Hasse schonn gehört – Folge 26

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Fragen Sie Dr. Nürsel

Frage:
Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass die meisten Sauerländer auffällig große Nasen haben sollen? Dein Andi aus Altenkleusheim

Dr. Nürsel:
Nein, Andi, das habe ich nun wirklich noch nie gehört. Allerdings schon hier und da gesehen, vor allem in der Gegend um Altenkleusheim. Eine große Nase ist ja auch nix Schlimmes, solange man sie nicht in die Angelegenheiten anderer Leute steckt. Oder in deren Erbsensuppe. Im Altertum galt eine große Nase sogar als Symbol für hohe Bildung und königlichen Charakter, und der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt behauptete noch im 18. Jahrhundert, dass „bei höherer Bildung und mächtigem, lebendigen Streben des Menschen von innen heraus das Gesichtsgepräge stärker hervortritt.“ Der kannte allerdings unsern Onkel Heini nicht, den man trotz seines riesigen Zonkens höchstens zum Ausmisten oder zum Erbsen döppen gebrauchen konnte. Dafür konnte er aber schon am Freitag wittern, wenn es am Sonntag Kohl gab.
Mit Langnase (bitte nicht verwechseln mit der beliebten Eiscreme oder dem italienischen Nudelauflauf) bezeichnete man in China früher abschätzig alle Europäer und Amerikaner. Im Sauerland wurden männliche Träger langer Nasen hingegen schon immer beneidet, denn schließlich gilt bei uns die alte Bauernregel: „Wie die Nase eines Mannes, so sein Johannes.“ Das erklärt zum Beispiel auch den Begriff „jemandem eine lange Nase machen“: die optische Verlängerung der Nase durch die an die Nase gehaltenen, ausgestreckte Hand soll dem Verspotteten symbolisieren, dass der Spötter einen längeren Johannes hat. Bevor Du mir noch mal schreibst, Andi: Damit ist der Schniepel gemeint. Ich glaube allerdings nicht so recht an diese Nasen-Johannes-Gleichung, weil ich mit einem Rekordzinken die Unterbuchsen ansonsten nur beim Zirkusausstatter kaufen könnte.

Zinken, Sauerland, Dr. Nürsel,

Onkel Heini, der mit dem Riesenzonken
Illustration: Derek Pommer

Bei genauerer Betrachtung unserer Alltagssprache stellt man schnell fest, dass wir Sauerländer eine sehr vielschichtige Beziehung zu unserem Riechorgan haben, ansonsten gäbe es nicht so viele Synonyme für Nase. Hier ein paar Beispiele:

„Bleib mir ja vonner Pelle mit deim roten Schnüffel.“

„Dir klebt `n Mömmes am Schnüttepinn.“

„Das issen ganz guten Rotwein, hängma dein Zonken rein.“

„Die hatten Zinken wie ne Saatkrähe.“

„Langsam habbichen Rüttel voll von euerm dämlichen Gequasselze.“

„Noch somm Spruch und ich hau dir was auffe Gurke!“

„Geh ma wacker ausser Sonne, dir glüht schon der Lötkolben.“

„Nimma ’n Tempo und putz dir den Nühsel.“

Sogar die kleine Kerbe zwischen Nase und Oberlippe, in der Medizin als Philtrum bezeichnet, hat im Sauerländischen mit Schnüdderrenne ihren eigenen Namen. In puncto Wortvielfalt sind wir damit dem sogenannten Hochdeutsch wieder einmal eine Nasenlänge voraus. Aber Vorsicht, Andi: Den Nühsel bitte nicht verwechseln mit Nüssel und Nürsel, dem Kerngehäuse eines Apfels oder einer Birne. Sonnz krisse ein von mir auffen Schnarchzapfen, woll.

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