Hasse schon gehört? – Folge 22

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Fragen Sie Dr. Nürsel

Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass Sauerländer statt einem immer mindestens zwei trinken? Deine Anna aus Allendorf

Dr. Nürsel: Das stimmt und das stimmt gleichzeitig nicht, eine Anna. nicht. Schon der Paderborner Leihbischof Pinnken von Pichelius stellte während seiner ausgedehnten Tresenreisen durch unsere Heimat fest, dass die Einheimischen niemals nur einen einzigen Becher Bier verkasematuckelten, sondern immer mindestens zwei oder deutlich aufwärts. Handelte es sich allerdings um Wasser oder lauwarme Ziegenmilch, wurde der zweite Becher stets abgelehnt. Meistens auch schon der erste. In Erinnerung an die Arbeit des Leihbischof bezeichnet die Wirtschaftswissenschaft dieses regionale Sondertrinkverhalten als Sauerländer Pichelparadox.

Ich vermute, dass es ich bei einen trinken wahrscheinlich um eine sprachliche Folge der bekannten Sauerländer Ehrlichkeit handelt. Niemand kann schließlich schon vor einem Kneipen-, Party- oder Schützenfestbesuch exakt wissen, wie viele Getränke er im Verlauf der Veranstaltung konsumieren wird. Und noch unwahrscheinlicher ist, sich nach einem beschwingten Abend an die genaue Anzahl der Striche auf dem Deckel zu erinnern. Statt nun einfach zu lügen und Mengenangaben frei zu erfinden, sagen wir also lieber „Ich gehe einen trinken“ oder frisch von der Leber weg „Ich war einen trinken“, wobei einer so ungefähr zwischen zwei und fünfzig liegt. Außer in Obersorpe, da wurde die obere Grenze einst bei vierundsiebzig festgelegt, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß.

Mindestens zwei Bier sind für Sauerländer auch eine Glaubensfrage, schließlich hat der liebe Gott uns nicht umsonst mit zwei Händen und zwei Daumen für zum Gläserhalten erschaffen, woll. Und mit besonders großem Durst. Daher gibt es nirgenzwo auf der Welt so viele Begriffe für die gesellige Flüssigkeitsaufnahme wie im Sauerländischen. Wir gehen zusammen einen pitschen, knallen, heben oder nehmen, einen saufen, süppeln, süffeln, zöppeln oder züppeln, einen trötern, ballern, verlöten oder brennen, einen schnasseln, bürsseln, pöttkern, schnäppsen oder schmettern, wir begießen uns die Nase und die Mütze, machen uns die Lampe an, geben uns die Kante, nehmen uns einen zur Brust und kippen einen hinter die Binde. Wenn meinen Lesern noch weitere Synonyme in petto haben, bitte her damit!

Das unbändige Verlangen nach dem zweiten, dritten oder zehnten Folgegetränk lässt sich vielleicht am besten mit dem Prinzip Hoffnung des Philosophen Ernst Bloch erklären. Für ihn ist Hoffnung, also das Erwarten einer guten Zukunft, der lebenserhaltende Trieb des Menschen. Auch wir im Sauerland sind daher stets von Hoffnung getrieben, vor allem von der Hoffnung, dass das nächste Pils das Beste sein wird. Wer lediglich ein einziges trinkt, hätte demnach alle Hoffnung verloren und wäre ein ganz armer Mensch. Oder ein Siegerländer.

Prosit Neujahr! Alles Gute für 2016.

Prosit Neujahr!
Alles Gute für 2016, woll!

Anna, gerade der Jahreswechsel ist stets mit Hoffnungen und Erwartungen verbunden: Für die einen mit der Hoffnung auf Weltfrieden, für die anderen mit der Hoffnung auf sechs Richtige im Lotto und für meine Tante Karin mit der Hoffnung auf billigere Staubsaugerbeutel für ihren Miele. Ich selber hoffe vor allem, dass ich ausreichend Pils im Keller habe wenn zu Silvester meine Freunde kommen um gemeinsam mit mir einen zu trinken. Oder zwei. In diesem Sinne wünsche ich Dir und allen meinen Lesern einen guten Rutsch und Prost Neujahr, woll!

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