Der Anredefall

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Sauerländer Platt verstehen!

Zusammen mit dem Leiter des Sauerländer Mundartarchiv in Eslohe-Cobbenrode, Werner Beckmann, werden hier in lockerer Reihenfolge Beiträge zum Sauerländer Platt veröffentlicht.

Heute: Der Anredefall

Foto_Ralf_ Litera_Mu (9)Wer Latein oder Griechisch lernt, bekommt es mit dem Anredefall zu tun. In der Fachsprache wird er Vokativ genannt – das Wort ist eine Ableitung zu lateinisch vocare ‚rufen’.

Wenn ein Lateiner von einem Menschen spricht, gebraucht er unter anderem den Werfall – den Nominativ: Dominus vocat – (der) Herr ruft. Wenn er aber den Herrn anspricht, dann sagt der Lateiner nicht Dominus mit –us am Ende, sondern Domine mit –e am Ende: Domine, adiuva me! Herr, hilf mir!

Im Deutschen gibt es einen Anredefall dieser Art nicht. Aber es gibt doch einen – nämlich beim Eigenschaftswort (Adjektiv), und das auch nur im Plattdeutschen.

Am besten kann man das erklären, indem man Plattdeutsch und Hochdeutsch miteinander vergleicht.

Die Eigenschaftswörter (Adjektive) können männlich (maskulin), weiblich (feminin) und sächlich (neutral) sein:

ein alter Mann, eine junge Frau, ein liebes Kind, liebe Leute.

Wenn man diese Personen anspricht, behalten die Eigenschaftswörter (Adjektive) ihre Form:

Alter Mann! Junge Frau! Liebes Kind! Liebe Leute!

Im westfälischen Platt, zu dem auch die sauerländischen Mundarten gehören, ist das anders.

Man sagt, wenn man von diesen Personen spricht:

ne allen Keerl, ne junge Frugge, en leif Kind, leiwe Luie.

Das ändert sich aber bei den Eigenschaftswörtern, wenn man diese Personen anspricht!

Dann heißt es:

Alle Keerl, goh doch op Seyt!                        Alter Mann, geh doch beiseite!

Junge Frugge, draff iëck met Ugg gohn?     Junge Frau, darf ich mit Ihnen gehen?

Leiwe Kind, wachte näo en kitzken.              Liebes Kind, warte noch ein wenig.

Leiwe Luie, iëck matt Ugg wat seggen!        Liebe Leute, ich muß Ihnen etwas sagen!

Fazit: Bei der Anrede steht im sauerländischen Platt am Ende des Adjektivs (Eigenschaftswort) immer nur ein –e, egal, ob Mann, Frau oder Kind oder mehrere Menschen angesprochen werden. Im Hochdeutschen ist so etwas nicht bekannt.

 

Beitrag ist bereits erschienen im WOLL-Magazin für Schmallenberg/Eslohe – Ausgabe Winter 2015

Kommentare

  1. Klasse; da ich gebürtiger Fredeburger bin, habe ich keine Probleme mit meiner Heimat-Plattsprache. Bitte mehr davon.
    Dat ik en Freiveske bün, no mak en bitken dertau.

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