Der verschwundene 2. Fall

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Plattdeutsch mit Werner – Folge 1

Heute: Der verschwundene 2. Fall (Genitiv) und das feste Dativ-e

Foto_Ralf_ Litera_Mu (9)In der Schule haben wir gelernt, das die Hauptwörter (Substantive), Eigenschaftswörter (Adjektive) und Fürwörter (Pronomen) gebeugt werden, oder wie es fachsprachlich heißt: dekliniert werden. Dazu setzt man das jeweilige Wort in die vier Fälle:

  1. Fall (Nominativ):       der neue Hut
  2. Fall (Genitiv)             des neuen Hutes
  3. Fall (Dativ)                dem neuen Hut(e)
  4. Fall (Akkusativ          den neuen Hut

Im Plattdeutschen gibt es den 2. Fall, den Genitiv, nicht mehr. An dessen Stelle sind zwei Konstruktionen getreten.

  1. Man macht es ähnlich wie im Englischen und Französischen. Man setzt das Verhältniswort von und verbindet dieses mit dem Geschlcechtswort (Artikel):

Dät is dei Müske vamme Jungen.

Das ist die Mütze des Jungen, wörtlich: ‚von dem Jungen’. Die Form vamme ist aus van diäm zusammengezogen und entspricht einem hochdeutschen vom.

Ick hewwe’t Bauk van diär Frugge fungen.

Ich habe das Buch der Frau gefunden.

Vey giät nicks op dät Gekuier van diän Luien.

Wir geben nichts um das Geschwätz der Leute.

 

  1. Auf das Hauptwort im 3. Fall (im Dativ) folgt das dazugehörige besitzanzeigende Fürwort (Possessivpronomen):

Dät is diäm Jungen seyne Kappe. Das ist die Kappe des Jungen, wörtlich: dem Jungen seine Kappe.

Dät sind diär Frugge iäre Heie. Das sind die Hüte der Frau, wörtlich: der Frau ihre Hüte.

Hör doch nit op diän Luien iär Kuiern! Hör doch nicht auf das Geschwätz der Leute! Wörtlich: auf den Leuten ihr Geschwätz

Das Dativ-e geht im Hochdeutschen immer mehr verloren. Vor fünfzig Jahren unterschrieb der Stellvertreter noch: im Auftrage, heute liest und hört man nur noch: im Auftrag. Befand man sich vor fünfzig Jahren noch im Hause, so befindet man sich heute im Haus. Man fuhr damals im Zuge seinem Ziel entgegen, heute geschieht das im Zug. Früher reichte man wohl einem Kinde die Hand, heute reicht man sie einem Kind.

Im sauerländer Platt ist dieses Dativ-e keineswegs im Schwinden begriffen, es ist immer noch in lebendigem Gebrauch. So würde in einer Urkunde, falls sie plattdeutsch abgefasst ist, der Stellvertreter imme Opdrage unterschreiben. Ein Plattdeutscher befindet sich auch heute noch imme Hiuse, und das Reichen der Hand geschieht auch bey nem Kinne (sofern man für hochdeutsches ‚Kind’ nicht Blage sagt). Sogar bei Wörtern, die aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übernommen worden sind und damit als Fremdwörter gelten, ist dies üblich: Der Plattdeutsche sitzt nämlich imme Zuge, und falls sein Anzug zu eng ist, dann muß etwas amme Anzuge geändert werden.

 

Kommentare

  1. Plattdüütschen meint:

    Een bannig scheune Saak! Bitte mehr vun düsse Verklaaren vun juun Dialekt! Denn warrt de Lüüd an de Elv ook maal wiss, dat dat een beten mehr as ehr eegen Snack geeven deiht!

  2. klaus eickhoff meint:

    dat is guat….do kös wat liärn !!!

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