Hasse schon gehört? – Folge 20

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Fragen Sie Dr. Nürsel

Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass die Knippschilds 100.000 Tacken geerbt haben? Dein Reiner aus Letmathe

Dr. Nürsel: Klar, Reiner, da gibt’s schließlich sogar ein neues Buch drüber, woll. Vielleicht kennst du ja den Autor, kommt nämlich aus derselben Ecke wie du. Als Sprachforscher freue ich mich übrigens sehr über die Titelwahl, denn schließlich wurde das Sauerland trotz erbitterten Widerstands der einheimischen Bevölkerung anno 2012 im Rahmen des Hundesossener Währungsabkommens der Eurozone angegliedert und der Tacken zum Euro umgerubelt. Oder heißt es dann umgeeurot? Ich bin daher froh, dass er es trotzdem auf ein töfftes Buchcover geschafft hat und den Brüsseler Währungshütern von dort eine lange Nase zeigt.

1000-tacken-reiner-haenschWir Sauerländer sind nämlich wahne stolz auf unseren guten alten Tacken. Gemeinsam mit Öcken, Mücken, Kröten, Flöhen, Flocken, Penunsen, Talern, dem Knatter, der Kohle, dem Kies, der Knete, der Asche, dem Moos und den märkischen Spinuffen hat er so manche weltweite Währungskrise schadlos überlebt und dabei nie an Wert verloren, sondern sogar hinzugewonnen. Während der Tacken früher nur eine 10-Pfennig-Münze war, wird er heute in jeder Wechselstube an der Grenze zum Siegerland oder zum Bergischen anstandslos 1:1 in Euro umgetauscht. Der umgangssprachliche Devisenhandel in unserer regionalen Öckenomie kennt zudem noch:

den Fuchs (= 5 Tacken)

den Heiermann (= 10 Füchse)

den Zwanni oder das Pfund (= 20 Öcken)

den Fuffi (= 50 Flöhe)

den Hunni (= 100 Mücken) sowie

die Tonne oder den Riesen (= 1.000 Kröten)

Finanzfachbegriffe für höhere Beträge gibt es bei uns nicht. Klar, denn wer im Sauerland mehr als eine Tonne auf dem Postsparbuch hat, schweigt darüber, um nicht als Geldsack zu gelten und sofort eine Runde spendieren zu müssen. Insofern bin ich gespannt, lieber Reiner, ob sich die Knippschilds mit ihren satten 100.000 Tacken in eine heimische Kneipe oder gar ein Schützenzelt trauen. Muss mir die Schwarte gleich morgen mal besorgen!

Neulich bat mich übrigens meine Nichte mit folgenden Sätzen um finanzielle Unterstützung einer ihrer ausgedehnten Besuche des örtlichen Szenetreffs: „Lässte ma ’n paar Tacken rüberwachsen? Ich muss beim Rossmann.“ Ich war sehr stolz auf sie. Nicht nur, weil sie unsere Umgangssprache astrein beherrschen tut, sondern weil das von ihr gewählte Verb eindeutig beweist, dass wir es im Sauerland selbst in Zeiten dynamisierter globaler Finanzmärkte absolut nicht eilig haben beim Geldausgeben. Mit Tacken schmeißt man bei uns nämlich nicht einfach so um sich, sondern Tacken lässt man langsam rüberwachsen. Leider hatte die Kurze allerdings das wachstumsfördernde „bitte“ vergessen, daher gab’s dann statt ein paar Tacken nur einen Fuchs und einen guten Rat vom lieben Onkel Nürsel: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben, woll!“

 

Das Buch „100.000 Tacken“ von Reiner Hänsch kostet knappt 15 Tacken und gibt es in den Sauerländer Buchhandlungen und im WOLL-Onlineshop.

 

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