Hasse schon gehört? – Folge 18

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Fragen Sie Dr. Nürsel

Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass wir Sauerländer als schwunglos und lethargisch gelten? Dein Olaf aus Oberneger

 Dr. Nürsel: Nä, Olaf. Kann ja auch gar nicht stimmen, denn schon die beiden Wörter schwunglos und lethargisch gibt’s bei uns gar nicht. Wir sagen stattdessen bräsig oder drömmelig, und das auch nur, wenn wir uns über unsere Freunde aus dem Siegerland unterhalten.

Wenn Sauerländer etwas anpacken, dann stets besonders schwungvoll und mit der Energie von zwei Sack Traubenzucker. Unsere Umgangssprache verfügt dementsprechend über mehr Powerbegriffe, als jede andere Sprache der Welt. Wir kippen zum Beispiel nicht in Zeitlupe vom Fahrrad, sondern knallen mit Schmackes auffe Fresse: Wenn schon, denn schon! Im Sauerland wird nicht brav gerodelt, sondern unser Nachwuchs rauscht mit Karacho in die nächste Schonung: Jippiieeh! Statt trendigem Gin trinken wir heimischen Doppelwacholder, der schmeckt nicht nur besser, sondern hat auch deutlich mehr Kafumm. Genau das Richtige für Onkel Walter, wenn er beim Pöcken im Garten die Lederpille mal wieder voll Foffo auf die Zwölf gekricht hat. Fußballkundige Eingeborene honorieren hohe Schussdynamik auch mit anerkennenden Begriffen wie volle Lutsche, volle Lotte, volle Suppe, volles Rohr oder volle Granate.

Ommas Hitte, Spitzengeschwindigkeit bis zu 100 Wupptich. Illustration: Derek Pommer

Ommas Hitte, Spitzengeschwindigkeit bis zu 100 Wupptich.
Illustration: Derek Pommer

Sauerländer haben übrigens nicht nur besonders viel Elan, sondern wir können ihn sogar präzise messen. So wie Temperaturen in Celsius und Reparaturkosten in Pi mal Daumen angegeben werden, berechnen wir die sogenannte Kawupptizität von Schwung und Energie auf der nach oben offenen Wupptich- oder Kawupptich-Skala. Ein Arschtritt von Pappa, wenn er mich mal wieder im Keller am Rumtopf erwischte, erreichte Durchschnittswerte von drei bis vier Wupptich. Als sich Tante Rita nach ausgelassenem Ententanz im Schützenzelt erschöpft auf das äußerste Ende der Sitzbank fallen ließ, schoss unser Kurzer am anderen Ende mit über zehn Kawupptich in Richtung Zelthimmel. Und Ommas Hitte sprühte so vor Kawupptizität, dass sie beim Melken regelmäßig aus dem Stall wutschen konnte oder, falls sie es nicht schaffte, zum Abschluss schwungvoll in den vollen Melkeimer kackte.

Wem es an genügend Wupptich fehlt, der braucht einen liebevollen Schubs oder Stoß, im Platt des Märkischen Sauerlands auch als Fuck bezeichnet. Anstoßen oder anschubsen heißt entsprechend fucken. So steht’s jedenfalls im Wörterbuch der Südwestfälischen Mundarten. Weltsprachlich gesehen hatte unser Fuck sogar genügend Schmackes, um es bis ins Englische zu schaffen. Zum Beispiel haben überall in Großbritannien kleine und große Künstler Fuck you!, also Gib dir eine Ruck! in fröhlich-bunten Buchstaben auf graue Wände und gemalt und gesprüht, um ihre bräsigen Mitmenschen auf heitere Art und Weise zu motivieren. So schön kann Sauerländisch sein, woll.

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