Deutschenkinder

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Von Ursel Schöne

Ausgrenzung, Verfolgung, Ausrottung: Begriffe, die wir vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen. Aber nicht nur die Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle wurden verfolgt. In den Besatzungsländern waren es diejenigen, die mit dem Feind zusammenarbeiteten – Kollaborateure.

In der aktuellen Ausgabe des WOLL-Magazins (Herbst 2015, S. 50) wird über die Norwegerin Sigrun Gjedre Arefjord berichtet, die im Juli zu Besuch in der Heimat ihres Vaters war.

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Die Norwegerin Sigrun Gjedre Arefjord (links) war im Sommer zu Besuch bei ihrer Verwandten Mia Sommer in Eslohe-Bremke.

Ihre Mutter ist Norwegerin, und ihr Vater war als Wehrmachtssoldat im südlichen Norwegen stationiert. Die beiden gehen ein Verhältnis miteinander ein, und 1943 kommt Sigrun zur Welt. Nach Kriegsende geht ihr Vater wieder zurück nach Deutschland. Für Sigruns Mutter beginnt eine schwere Zeit: Die Norweger starten Racheaktionen, beschimpfen sie als „Deutschenflittchen“ oder Hure, stellen sie an den Pranger. Als Zeichen für ihre Schande wird ihr der Kopf geschoren. Jeder, der sie sieht, weiß somit sofort Bescheid: „Das hier ist eine Verräterin.“ Mit einem „Kind der Schande“ will Sigruns Mutter nichts zu tun haben und bricht den Kontakt ab.

Zucht der „deutschen Rasse“

Sigruns Geschichte ist kein Einzelfall: Während des Zweiten Weltkrieges wurden 10.000 bis 12.000 sogenannte „Deutschenkinder“ geboren, also Kinder mit deutschem Vater und norwegischer Mutter. Ein Großteil davon hatte seinen Platz in den schon 1935 gegründeten Lebensborn-Heimen der SS. Im Gegensatz zu den Norwegern befürworteten die Deutschen die Verbindungen ihrer Soldaten mit den Norwegerinnen. Schließlich entsprachen diese ihrem Rassenbild und galten als die „arischsten aller Arier“. Daher wurden auch uneheliche Kinder betreut, für die „Züchtung ihres Herrenvolks“ und als „Auslese und Sammlung arischen Blutes“. Im Sinne von Himmlers Rassenpolitik wurden die Kinder mit deutschen Vätern in den Lebensborn-Heimen untergebracht, um sie ganz nach den nationalsozialistischen Vorstellungen zu erziehen.Sommer_31

Ausgrenzung

8.000 Kinder waren in den Lebensborn-Heimen registriert. Nach Kriegsende wollte niemand etwas von ihnen wissen, niemand etwas mit ihnen zu tun haben. Sie wurden ausgegrenzt, galten unter den Norwegern als minderwertig. Häufig wurden sie völlig unberechtigt als weniger intelligent oder sogar geistig behindert eingestuft, verspottet, angepinkelt und gemobbt. Nicht alle halten dem Druck stand, viele begehen Selbstmord.

Der Staat unternahm lange nichts. Die Deutschenkinder gründeten einen Verein, klagten den Staat für ihre körperlichen und seelischen Verletzungen an. Die Gerichtsverfahren brachten keinen bis wenig Erfolg.

Innerer Krieg bis ans Lebensende

Die Vergangenheitsbewältigung dauert bis heute an, lebte in den letzten 15 Jahren wieder auf, einige Bücher, vor allem aber viele Videos des norwegischen Fernsehens – zuletzt vom August 2015. Die Deutschenkinder aber kämpfen weiter mit der Bewältigung ihrer Vergangenheit, den Vorurteilen und dem angeblichen Makel ihrer Geburt – auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

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