Hasse schon gehört? – Folge 16

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Fragen Sie Dr. Nürsel

Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass der Spruch „sich eine Scheibe von jemandem abschneiden“ aus dem Sauerland kommt? Deine Friederike aus Föckinghausen

 Dr. Nürsel: Da hast Du Dich scheinbar verhört, liebe Friederike. Im Sauerland schneidet man eine Scheibe in den meisten Fällen nämlich nicht von jemandem ab, sondern für jemanden. Diese Scheibe stammt grundsätzlich vom Schwein, wird in Gourmetkreisen als Wurst bezeichnet und bei uns korrekterweise wie „Wuast“ oder „Wuorst“ ausgesprochen. Von frühen Kindesbeinen an geht es für den eingeborenen Sauerländer nämlich immer und überall um die Wurst.

 

Foto: Helena Lange

Foto: Helena Lange

Erinnerst du dich zum Beispiel noch an Deinen ersten Besuch beim Metzger, Friederike? Wie die freundliche Verkäuferin sich über die Wursttheke beugte und dir eine rosige Scheibe Mortadella reichte? Wie die anderen Kunden dir zufrieden zunickten, als das Scheibsken in deinem Mund verschwand und deine Mamma dir stolz über das Haar strich? Siehste, ich erinnere mich nämlich auch. Und alle anderen Sauerländer ebenso. Seitdem wissen wir nämlich, dass Wuast nicht nur lecker schmeckt, sondern man Menschen damit eine große Freude machen kann.

 

wurstefahne

Illustration: Denis Metz

Würste haben daher sogar einen wichtigen Platz in unserem regionalen Brauchtum. Da gibt es am zweiten Weihnachtstag, auf Neujahr oder zu Karneval das Würstesingen oder Mettwurstsingen, bei dem eine Sängerschar von Haus zu Haus zieht und als Belohnung für ihre Gesangsdarbietung einen Kringel Wurst erhält. Eine alte Tradition ist auch das Fleischwurstessen vieler Sauerländer Vereine: Pro Nase einen Kringel Fleischwurst in siedendem Wasser erhitzen, heiß servieren und tüchtich Senf bei tun. Besser schmeckt nur noch die frische Fleischwurst, die es an bestimmten Tagen überall im Sauerland direkt beim örtlichen Metzger gibt. Bei uns zuhause lag der Fleischwurstdonnerstag auf Augenhöhe mit den christlichen Feiertagen, denn wer einmal kesselheiße Wurst gemampft hat, fühlt sich dem Himmel ganz, ganz nah. So wie mancherorts sogar der Pfarrer, denn schon ein altes Sauerländer Sprichwort lautet „Lange Würste, kurze Messen, sind das beste Pfaffenfressen!“ Bestimmt kann der ein oder andere das Paradies auch beim Biss in einen saftigen Tofubratling spüren, aber ich vermute, dass das dann eher ein Auswärtiger ist, der von woanners wechkommt.

 

Eine weitere Redensart „das ist mir Wurst“, also „das ist mir gleichgültig“, stammt garantiert auch nicht aus dem Sauerland, schließlich ist unsere Wuast uns alles andere als egal. Wir verwenden sogar zärtliche Kosenamen für ihren letzten Zipfel, der bei uns Noppen oder Nöppken heißt. Und so wie Frankreich das Perigord mit seinen Trüffeln hat oder Italien den Schinken aus Parma, so haben wir die Dicken Sauerländer Knackwürste aus Finnentrop. Davon kann ich aber leider keine Scheibe für Dich abschneiden, liebe Friederike, denn die haue ich mir nun doch zu gerne ganz alleine rein, woll.

 

 

 

 

(Illustration: Denis Metz)

 

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