Ein Westfalen – oder doch mehr?

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Am heutigen Donnerstag erschien im Hellweger Anzeiger ein langer Bericht über die Frage „Ein Westfalen – oder doch mehr?“ von WOLL-Autor Dr. Peter Kracht, seines Zeichens auch Kulturwart des SGV – Sauerländischer Gebirgsverein. Peter Kracht nimmt in seinem Artikel auch Stellung zu dem umstrittenen Begriff  „Südwestfalen“.

Westfalen wird 200 Jahre alt! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Ab dem 28. August 2015 zeigt das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Dortmund eine große Sonderausstellung, die Westfalen an sich und dem „Westfälischen“ im Besonderen in bisher nicht gekannter Tiefe auf den Grund geht. Doch gibt es tatsächlich den „Westfalen“ – und das „Westfälische“?

Westfalen ist groß, sehr groß sogar!

Westfalen ist groß, sehr groß sogar!

Genau vor zwei Jahrhunderten, auf dem Wiener Kongress 1815, wurden Westfalen und die Rheinlande in ihren heutigen Grenzen zu preußischen Provinzen. Zuvor hatte Preußen durch Erbschaftsfolge und Heirat bereits einige Besitzungen in Westfalen. In der Folge der napoleonischen Kriege stand Jerome, ein Bruder Napoleons, schließlich für wenige Jahre an der Spitze des neu eingerichteten „Königreichs Westphalen“ – allerdings war Kassel damals seine Hauptstadt!

Westfalen sind, seit dieser politischen Neuordnung, die Menschen im Münsterland und im Sauerland, im östlichen Westfalen, im Teutoburger Wald und im Paderborner Land, im Siegerland, in Wittgenstein und im östlichen Ruhrgebiet. Die Lipper, die Nachfahren der Fürstin Pauline, gehören per Definition nicht zu Westfalen. Sie wurden aber vor Jahren schon aufgenommen in die Region OWL = Ostwestfalen-Lippe.

War dies schon ein künstlich gebildeter Regionenbegriff innerhalb Westfalens, so mutet auch der wild um sich greifende Terminus „Südwestfalen“ reichlich merkwürdig an – erst recht, wenn die Erklärung zu hören und zu lesen ist, der Märkische Kreis, der Kreis Soest, der Hochsauerlandkreis, der Kreis Olpe und der Kreis Siegen-Wittgenstein seien eine historisch gewachsene Region! Dies ist gelinde gesagt grober Unfug, ist das kurkölnische Sauerland (HSK und Kreis Olpe) doch über Jahrhunderte katholisch, das Märkische Sauerland (MK) hingegen protestantisch geprägt. Besonders bizarr ist, dass die Fachhochschule Südwestfalen unter anderen auch einen Standort in Hagen hat, das allerdings nicht zu Südwestfalen gehört! Mit anderen Worten: Studierende der Fachhochschule Südwestfalen studieren am Standort Hagen geographisch betrachtet außerhalb Südwestfalens! Der gemeine Westfale versteht auch nicht so recht, warum das für den Kreis Soest zuständige WDR-Studio seinen Sitz ausgerechnet in Siegen hat…

Westfalen ist aber nicht nur 200 Jahre alt, sondern auch ziemlich groß, de facto zu groß für eine einzige, in sich geschlossene Region. Überdies sind Westfalens Grenzen den meisten seiner Bewohnerinnen und Bewohnern kaum bekannt. Wer weiß aus dem Stegreif, ob Medebach und/oder Korbach zu Westfalen gehören? Und wie steht es mit Höxter und/oder Beverungen, ganz zu schweigen von Sprockhövel und/oder Gevelsberg!

Wer häufig in Westfalen unterwegs ist, stellt fest, dass für den „gemeinen“ Münsterländer sein Münsterland und Westfalen eigentlich identisch sind. Den meisten Sauerländern ist Westfalen zwar durchaus bekannt, aber was genau dazu gehört, bleibt den meisten doch eher verborgen. Und die landsmannschaftlichen Gemeinsamkeiten eines Westfalen vom Weserufer mit dem eines ebenso „echten“ Westfalen aus Oer-Erkenschwick gehen zwar nicht gegen Null, halten sich aber doch in bescheidenem Rahmen…

Deutliche Unterschiede finden sich in den westfälischen Regionen auch bei den kulinarischen Spezialitäten. In letzter Konsequenz gibt es nämlich keine westfälische Küche, sondern vielmehr eine Küche, die bestimmte westfälische Landschaften bzw. Regionen umfasst: Ob die Currywurst in Bochum erfunden wurde, sei dahin gestellt. Fest steht: Sie hat ihren glorreichen Siegeszug durch alle westfälischen Regionen angetreten. Aber Möpkenbrot ist im Sauerland völlig unbekannt, und von sauerländer Potthucke hat im Lipperland (wo mit wahrer Begeisterung der berühmte Pickert serviert wird) noch nie jemand gehört – es sei denn, er ist ein „Zugereister“ aus dem Land der tausend Berge. Und vom Münsterländer Töttchen träumt kein Siegerländer und erst recht kein Wittgensteiner!

In gewisser Weise ist der heimische Kreis ein Spiegelbild Westfalens im Kleinen: Der Kreis Unna gehört politisch zwar zum RVR, geographisch ist er jedoch eine „Grenzregion“, die zwischen dem Münsterland, Sauerland und Ruhrgebiet liegt. Ein bedeutsamer „Orientierungspunkt“ ist der von West nach Ost verlaufende Hellweg, der den Kreis Unna in Holzwickede und Unna berührt. Sind Werne und Selm eindeutig auf das Münsterland ausgerichtet, so sind Holzwickede und Unna, Kamen und Bergkamen auf die große Nachstadt Dortmund orientiert. Schwerte im Südwesten des Kreisgebietes ist traditionell in Richtung Märkisches Sauerland orientiert und Fröndenberg (Ruhr) fungiert sozusagen als „Tor zum Sauerland“. Bliebe noch Bönen, das eindeutig in Richtung Hamm tendiert, sowie die größte Stadt des Kreises, Lünen, das aufgrund seiner Lage starke Verbindungen nach Dortmund aufweist.

Kleinräumig sieht die Lage allerdings nicht so eindeutig aus: Im östlichen Unnaer Ortsteil Hemmerde gibt es manche Eltern, die ihre Kinder auf die (katholische) Schule im benachbarten Werl (= Kreis Soest) schicken. Womit ein weiteres wichtiges Merkmal des Kreises Unna angesprochen ist: Eine katholische Religionsgrenze! Nicht gar so ausgeprägt wie im Rothaargebirge, aber immerhin: Gehört der größere Teil des Kreisgebietes zum Erzbistum Paderborn, so zählen Selm, Werne und das nördliche Lünen zum Bistum Münster. Die Lippe war und ist bis heute „Grenzfluss“ im Norden des Kreises.

140220_wol_aufkleber_95x145_dd_flyeralarmBringt man die Sache auf den Punkt, gehört der Kreis Unna (realistisch und ohne Lokalkolorit betrachtet) in seiner Gänze weder zum Münsterland noch zum Sauerland noch sonst wo zu. Und wenn man ehrlich ist: So „richtig“ zum Ruhrgebiet gehören Werne, Selm und Fröndenberg auch nicht. Dadurch ist der Kreis Unna aber keineswegs heimatlos und verloren in den westfälischen Weiten – er liegt vielmehr mitten drin in Westfalen! Und seine Bewohnerinnen und Bewohner dürfen sich mit Fug und Recht „Westfalen“ nennen, ohne irgendeinen „erfundenen“ Zusatz. Fest steht auch: Ein Sauerländer bleibt auch in der Zukunft ein Sauerländer, wie auch ein Siegerländer künftig Siegerländer bleiben wird. Dass jemand stolz eines Tages von sich behaupten wird, er sie ein begeisterter „Südwestfale“ ist wohl auszuschließen – und das ist gut so!

Dr. Peter Kracht

Kommentare

  1. Helga Simonsen meint:

    Ich bin inzwischen über 60 Jahre und habe in all den Jahren mit einem gewissen Stolz gedacht und gesagt – ich komme aus dem Sauerland. Geboren bin ich Wünnenberg (Kreis Büren) heute Bad Wünnenberg (Kreis Paderborn).
    Aber auf allen Karten vom Sauerland, die man so im Internet findet, ist kein Wünnenberg zu finden. Das Sauerland endet da anscheinend bei Alme.
    Ich werde mich trotzdem weiterhin als Sauerländerin fühlen und stolz drauf sein wenigstens am Rande vom Sauerland geboren zu sein.
    Schöne Grüße von Sylt. Seit 48 Jahren lebe ich hier, und fühle mich fast als Sylterin.

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