70 Jahre danach

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„70 Jahre danach: Massenmorde an Zwangsarbeitern im Sauerland vor Kriegsende“

Dokumentation über die Massaker im Raum Meschede/Warstein (20.-22 März 1945) und die Geschichte des „Mescheder Sühnekreuz“ erschienen
Kennzeichnung „Ost“ für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion (Bilddatensatz von Doc.Heintz – Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ostarbeiter.jpg#mediaviewer/File:Ostarbeiter.jpg)

Kennzeichnung „Ost“ für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion (Bilddatensatz von Doc.Heintz – Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ostarbeiter.jpg#mediaviewer/File:Ostarbeiter.jpg)

Insgesamt 208 unschuldige Menschen aus der Sowjetunion und Polen wurden zwischen dem 20. und 22 März im Raum Meschede/Warstein von deutschen Soldaten ermordet. Die willkürlich ausgewählten Opfer waren weibliche und männliche Zwangsarbeiter sowie zwei kleine Kinder. Zu diesem Kriegsendphase-Verbrechen im Sauerland ist jetzt in der Internetreihe des Christine-Koch-Archivs am Museum Eslohe eine 216 Seiten starke Publikation erschienen. Diese Gemeinschaftsarbeit von Jens Hahnwald (Arnsberg) und Peter Bürger (Eslohe/Düsseldorf) kann jeder kostenlos im Netz abrufen.

Anhand des erst Ende 1957 eröffneten ersten Gerichtsverfahrens gegen beteiligte Täter rekonstruiert der Historiker Jens Hahnwald die grausamen Ereignisse und beleuchtet Reaktionen in der Nachkriegsgesellschaft. Im Frühjahr 1945 zogen Zwangsarbeiter-Trecks, zumeist unter Bewachung, durch das Sauerland gen Osten. Die hungrigen Menschen bettelten oder versuchten, sich Rüben aus dem Feld auszugraben. Plünderungen sind hingegen für diese Zeit nicht belegt. Der im Sauerland stationierte Stab einer „Division zur Vergeltung“ dachte in Kategorien des Rassenkrieges im Osten. Er ließ – wie es hieß „präventiv“ – 208 unschuldige Russen und Polen aus Durchgangslagern in der Warsteiner Schützenhalle und Suttroper Schule ermorden und in drei Massengräbern einscharren.

Anders als bei den direkt nach Kriegsende entdeckten Verbrechen in Warstein und Suttrop wurden die Mordopfer zwischen Eversberg und Meschede erst 1947 ausgegraben. Ein katholischer Männerkreis zeigte sich so erschüttert, dass er unter Mitwirkung von Geistlichen beider Konfessionen am 4. Mai 1947 ein vier Meter hohes Eichenkreuz zur „Sühne“ für den Mord an den 80 sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern errichtete. Ein sich anschließender öffentlicher Aufklärungsabend im Kloster am Ort wurde von unbelehrbaren Nationalisten zu einer Radau-Veranstaltung umfunktioniert. Der Publizist Georg D. Heidingsfelder notierte danach in einem frühen Bericht u.a.: „Militaristen ließen hören, dass >an Stelle der achtzig besser achtzigtausend Russen umgebracht worden wären<.“ Das Leid der Zwangsarbeiter und der verbrecherische Krieg mit insgesamt 20 Millionen Toten in der Sowjetunion spielten keine Rolle. Einige Schreier meinten, die „Rechnung“ sei durch das Schicksal deutscher Kriegsgefangener beglichen.

Das „Mescheder Sühnekreuz“ zum Gedenken an 80 ermordete „russische Zwangsarbeiter“ nach seiner Ausgrabung im November 1964 mit den Spuren von Äxten, Feuer, Erdlagerung seit 1947 sowie verwitterter Inschrift (Archiv Peter Bürger).

Das „Mescheder Sühnekreuz“ zum Gedenken an 80 ermordete „russische Zwangsarbeiter“ nach seiner Ausgrabung im November 1964 mit den Spuren von Äxten, Feuer, Erdlagerung seit 1947 sowie verwitterter Inschrift (Archiv Peter Bürger).

Das Gedenkkreuz war zu diesem Zeitpunkt schon längst durch Äxte und Feuer geschändet worden. Es musste aufgrund großer Feindseligkeit in der katholischen Kleinstadt nur kurz nach seiner kirchlichen Weihe für lange Zeit in ein geheimes Erdgrab versenkt werden. Es folgten erst sehr viel später die Ausgrabungsaktion junger Leute (1964), die sichtbare Aufstellung in einem Kirchenraum (1981) und die – nach langem Ringen der pax christi-Gruppe durchgesetzte – historisch zutreffende „Beschriftung“ des Mescheder Sühnekreuzes (1985). Die denkwürdige Geschichte dieses religiösen Mahnzeichens hat Peter Bürger anhand von Archivunterlagen bis weit in die 1980er Jahre nachgezeichnet.

Ein US-Soldat zeigt Anfang Mai 1945 dem Warsteiner Bürgermeister Peter Struif die 71 Leichen der im Langenbachtal ermordeten Menschen (Repro Archiv P. Bürger; Aufnahme von U. Hillebrand in den 1980er Jahren bei der US-Army angefordert).

Ein US-Soldat zeigt Anfang Mai 1945 dem Warsteiner Bürgermeister Peter Struif die 71 Leichen der im Langenbachtal ermordeten Menschen (Repro Archiv P. Bürger; Aufnahme von U. Hillebrand in den 1980er Jahren bei der US-Army angefordert).

Ein Dokumentarteil mit zahlreichen Originalquellen und Zeitzeugenberichten ermöglicht es den Lesern, die Darstellung der beiden Autoren zu überprüfen und sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Ohne Kenntnis der Geschichte, so meinen die Herausgeber, fehlt uns eine wichtige Orientierungshilfe zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft.

Die kostenlos abrufbare Internetpublikation:

  1. Bürger / J. Hahnwald / G.D. Heidingsfelder (†): „Zwischen Jerusalem und Meschede“. Die Massenmorde an sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern im Sauerland während der Endphase des 2. Weltkrieges und die Geschichte des „Mescheder Sühnekreuzes“. (= daunlots. internetbeiträge des christine-koch-mundartarchivs am museum eslohe. nr. 76.) Eslohe 2015. [216 Seiten]
    http://www.sauerlandmundart.de/pdfs/daunlots%2076.pdf

Der aus Bainghausen (ehemals Kirchspiel Hellefeld) gebürtige Jurist Dr. Franz Aßmann (gest. 1969) ist bis 1933/1934 Leiter des Amtsgerichts in Bottrop gewesen. „Dort wurde er durch nationalsozialistischen Einfluss aus seinem Amt entfernt, da er Juden zu ihrem Recht verholfen hatte.“ (Michael Senger) Nach einer halbjährigen Zwangspause war Aßmann wieder als Landgerichtsrat in Essen tätig. 1943 zog er als Ausgebombter nach Hellefeld und wirkte fortan als Verwaltungsrichter in Arnsberg. In der Ausstellungsdokumentation „Das Hakenkreuz im Sauerland“ (1988) ist ein Bericht Aßmanns aus dem Jahr 1945 veröffentlicht worden, in dem es zum Elend der durch das Sauerland ziehenden Zwangsarbeitertrecks u.a. heißt:

Da hatte man diese Menschen zu Hunderttausenden, ja zu Millionen aus ihrer fernen Heimat ins Land geschleppt, hatte sie wie die Sklaven zur Arbeit gezwungen, bei schlechter Ernährung und ebensolcher Unterbringung; und als man sie nicht mehr brauchen konnte, jagte man sie auf die Straße und überließ sie ihrem Schicksal. Wie viele mögen an den Straßenrändern elend umgekommen sein! Sind wir ein Kulturvolk? Wer in jenen Tagen hier an der Kreuzung gestanden hat oder an unseren Fenstern und die Straße, hauptsächlich die nach Altenhellefeld führende, beobachtet hat, der muss die Frage verneinen, der kann nur, was ich so oft, was ich vor allem nach jenem Sturm auf die Synagoge gesagt habe, wiederholen: „Es ist eine Schmach, ein Deutscher zu sein!“

Kommentare

  1. ilse tremblay meint:

    Ja ich lebe jetzt schon 50 jahre in Kanada, wenn ich jetzt lese oder sehe im Fernsehen, die Dokumentarfilme, bin ich total erschuettert und frage mich immer wie konnten die nur, und muss ehrlich sagen, ja ich schaeme mich und wie Sie schreiben zum Schluss ein Schmach,obwohl ich 1941 geboren bin und nichts zutun hatte damit , aber es bleibt eben wenn man Deutsche ist(war) LG aus Montréal ilse

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