Weihnachten ohne Krippe geht nicht

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„Weihnachten ohne Krippe geht nicht.“

Elmar Rademachers Ort der Stille

Von Claudia Wichtmann

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs ist nicht irgendeine Weihnachtskrippe, die Elmar Rademacher jedes Jahr in seinem Haus in Schliprüthen aufbaut. Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Wie eine Zeitreise, mehr als 2.000 Jahre zurück. Fünf Quadratmeter ist die Krippe groß, detailgetreu aufgebaut, und steht in Elmar Rademachers Wohnzimmer. Die insgesamt 20 Figuren und 4 Schafherden mit zusammen 74 Schäfchen sind eingebettet in eine Landschaft aus Wurzeln, Moos und Steinen, die Rademacher selbst im Wald sammelt. Acht der Figuren sind aus den Händen und dem Besitz des französischen Impressionisten Renoir, fast 100 Jahre alt. Rademacher hat sie von seiner Mutter geerbt und die wiederum von ihrer Mutter. Die Figuren sind mit großer Liebe zum Detail gefertigt, sie wirken echt. Und wer sich nur ein bisschen in das Krippen-Stillleben hinein versetzt, erkennt die ausdrucksstarke Mimik von Maria und Josef, den Heiligen Drei Königen und den Hirten. Es gibt sogar einen See mit einem Ufer aus kleinen, grauen Steinen, an dem die Schafe trinken. Drei Tage braucht Elmar Rademacher, um die Krippe aufzubauen und ihr für die Weihnachtstage Leben einzuhauchen.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es ist eine stille Krippe, ohne Geräusche, mit dezenter, heimelig wirkender Beleuchtung. Mit 25 Jahren hat Elmar Rademacher sie von seiner Mutter übernommen. Sie hatte die Krippe noch orientalisch aufgebaut, mit Palmen und Sand. Nach und nach hat Rademacher die orientalische Landschaft in typisch sauerländische Natur umgewandelt. „Sie ist ganz unaufdringlich und zu einer Meditationskrippe geworden“, erzählt er. „Unser früherer Pastor ist immer an Weihnachten gekommen, hat sich an die Krippe gesetzt und ich habe die Weihnachtsbeleuchtung ausgeschaltet, nur das Licht der Krippe angelassen. Und dann hat er gebetet. Das ist eigentlich der Sinn der Krippe, ihr Wesen. Weihnachten ohne Krippe geht bei uns gar nicht.“ Elmar Rademacher liebt die Stille an Weihnachten, die Besinnlichkeit und die Tradition. „Ich habe keinen Schmuck an meinem Weihnachtsbaum. Da sind 42 elektrische Kerzen dran und sonst nichts.“

Ab dem zweiten Adventssonntag empfängt Elmar Rademacher unter telefonischer Voranmeldung (siehe unten) Besucher, die die Krippe sehen möchten. „Ganze Omnibusse sind schon hier gewesen“, erinnert er sich. Kinder sieht Elmar Rademacher gerne an seiner Krippe. „Ihnen fallen oft Details auf, die man gar nicht beachtet. Mein ältester Enkel stand als ganz kleiner Junge davor und sagte: ‚Du, Opa, hier fehlt was. Bei den Schafen ist kein Hund.‘“

Wer Elmar Rademacher besucht, findet nicht nur eine faszinierende Krippenwelt. Er lernt einen Menschen kennen, der ein bewegtes Leben hinter sich hat. Sauerländer durch und durch und doch so anders. Elmar Rademacher wirkt fein, in seinem Auftreten, in seiner Art, sich zu bewegen und in seiner Ausdrucksweise. Er schreibt Gedichte und Märchen, die er nie veröffentlicht. Wenn der 80-jährige von seiner Heimat, dem Sauerland, spricht, dann spürt man seine Verbundenheit zu ihr und seinem Dorf Schliprüthen. In seinem Haus ist er geboren und aufgewachsen. Einer seiner Söhne lebt mit seiner Familie im Nebenhaus, Rademacher mit seinem Hund im vorderen Teil. „Ich habe 220 Quadratmeter, da kommen ich gerade mit aus“, scherzt er.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Rademachers Kindheit verläuft anders als bei den meisten Kindern: Er singt mit einem extrem hohen Knabensopran. Als Neunjähriger hütet er singend die Kühe, wird dabei von Thea Schulte entdeckt und dem damaligen Organisten von Eslohe vorgestellt. „Ab da hatte ich praktisch keine Kindheit mehr“, erzählt Rademacher. „Ich wurde von der katholischen Kirche vereinnahmt, die ja für diese sehr hohen Stimmen eine hohe Literatur haben. Das war für mich natürlich toll. Als Kind genießt man Beifall und Einladungen. Ich wurde wie eine Teepuppe aufs Sofa gesetzt und bewundert.“ Eine schöne Zeit war das, sagt er. „Ich habe die Schöpfungsgeschichte gesungen, auf Hochzeiten, in Messen …“ Die Kindheit blieb dabei auf der Strecke. Doch das stört Rademacher nicht, er sieht nur die aufregende Zeit. Mit 14 ist die klangvolle hohe Stimme weg und damit auch das Interesse an dem jungen Rademacher. Erst mit 18 Jahren taucht er wieder in die schillernde Welt der Bühne ein. Über unterschiedliche Wege lernt er den Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens kennen. Von nun an ist Elmar Rademacher häufig in Hamburg. Er geht eine tiefe Verbindung mit Gründgens ein, begleitet ihn lange und lernt durch ihn die Welt des Luxus kennen. Er hat einen Chauffeur, trägt teure Kleidung und bewegt sich in auserwählten gesellschaftlichen und manchmal schrillen Kreisen. Doch immer wieder kehrt er nach Schliprüthen zurück. „Ich war nie wirklich weg. Nur an den Wochenenden oder zwischendurch mal ein paar Wochen.“ Beständige Landluft und aufregender Großstadtflair –Rademacher genießt in seinen jungen Jahren lange Zeit beides.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAElmar Rademacher hat einige Schicksalsschläge erlebt: In der Kindheit den Tod des kleinen Bruders, später den plötzlichen Tod der Ehefrau, tragische Verluste von engen Freunden. Doch seine Lebenseinstellung ist positiv geblieben. „Das Leben ist schön und ich bin gespannt auf das, was noch kommt“, sagt er. Und es klingt nicht wie eine Floskel, sondern echt. „Ich habe mich immer aufgehoben gefühlt“ erzählt er. „In meiner Familie und später im Kreise der Menschen, die mich umgaben.“ Elmar Rademacher unterscheidet zwischen „Menschen“ und „Leuten“. „Das habe ich von Gründgens gelernt. Menschen denken, fühlen, helfen und leiden mit. Leuten ist die Problematik anderer Personen egal. Ich bin lieber stundenlang mit Menschen zusammen als nur kurz mit Leuten.“ Richtige Freunde, auf die er sich bedingungslos verlassen kann, hat er nur eine Handvoll, meint er. „Meine Freunde sind auch jedes Jahr hier, wenn in Eslohe Weihnachtskonzert ist. Dann sind wir acht bis zehn Menschen, trinken zusammen Kaffee und danach fahren wir alle zusammen zum Konzert. Das ist Tradition, schon seit vielen Jahren.“OLYMPUS DIGITAL CAMERA

So bewegt und gegensätzlich Rademachers Leben gewesen sein mag, etwas war für ihn immer wichtig: Zusammenhalt, Tradition, Bodenständigkeit. Und so schafft er mit seiner Weihnachtskrippe, die er seit 55 Jahren jedes Jahr aufstellt, einen Anlaufpunkt für sich und für Menschen, die in unserer eiligen Zeit einen Ort der Stille und Besinnlichkeit suchen.

Ab dem zweiten Adventssonntag ist Elmar Rademachers Haus für Krippenbesucher unter telefonischer Voranmeldung geöffnet. Kontakt: Elmar Rademacher, Tel. 02724-384.

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWeihnachten

Ein Gedicht von Elmar Rademacher

Heilige Nacht, Hauch der Ewigkeit,

die Welt hält den Atem an.

Genauso wie vor unendlicher Zeit

als das Wunder der Weihnacht begann.

 

Und es leuchten auch heut‘ noch die gleichen Sterne,

wie damals in ihrer Pracht,

und es hält in unendlicher Ferne

der gleiche Mond seine Wacht.

 

Es weht noch der gleiche Wind um die Welt,

die gleichen Meere rauschen.

Vom Himmel der gleiche Schnee noch fällt,

und wie damals die Menschen lauschen.

 

Der Stimme, aus silbernem Licht,

tief in die Herzen dringt ein.

Der göttlichen Stimme, die ihnen verspricht,

es wird einmal Frieden sein!

 

 

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Kommentare

  1. Johann meint:

    Eine schöne Geschichte,
    über einen wertvollen Menschen.
    Ich selbst habe ihn kennengelernt und auch die Krippe besucht, und denke gerne daran zurück.

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