Reinhold, der Yeti und ich

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WOLL-Autor Michael Martin beim P-Weg in Plettenberg

Volker Halbhuber

Foto: Volker Halbhuber

Als ich letzte Woche mit Reinhold Messner am Skypen war, um ihn nach seinen Geburtstagswünschen zum 70ten zu befragen, kamen wir auf meinen geplanten Start beim P-Weg-Halbmarathon in Plettenberg zu sprechen. Reinhold wurde tatsächlich ein wenig blass um die Nase, so wie damals, als der Yeti nachts in seinen Schlafsack gekrabbelt war. „Den P-Weg? Bist du wahnsinnig? Mach doch lieber was Flaches, fahr zum K2 oder versuch mal den Nanga Parbat!“ Ich natürlich abgewinkt und nur gelacht. „Wenn du ohne Zehen auf alle Achttausender gekommen bist, werde ich doch wohl ohne Kondition die paar märkischen Hügelchen schaffen.“ Reinhold schüttelte ungläubig mit dem Kopf, wünschte mir viel Kraft und sich selber eine Seniorenkarte für die MVG.

In der Vier-Täler-Stadt Plettenberg herrscht beim P-Weg immer Ausnahmezustand. An drei Tagen bieten die Veranstalter dort Mountainbikern, Wanderern, Joggern und Läufern ein Spitzenprogramm allererster Fitnesssahne. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um zu helfen. Das ist auch gut so, denn viele Sportler klappen schon beim Anblick der Streckenprofile im Startbüro zusammen.P-Weg2014 Profil

Das hier abgebildete Profil des Halbmarathons macht deutlich, dass es in Plettenberg zwar vier Täler geben mag, diese aber scheinbar am Wochenende frei haben. Stattdessen gibt es Berge, Berge, Berge und zwischendurch heftige Anstiege. Glücklicherweise war uns das Sauerländer Wetter gnädig und bot statt lästiger Sonne erfrischenden Fisselregen. Vom Startpunkt des Laufs kann man übrigens ein weißes Gipfelkreuz über der Stadt leuchten sehen und hofft, nicht so weit hoch zu müssen. Eine halbe Serpentinenstunde später schaut man von der Marathonroute dann keuchend auf das Kreuz herunter… .

Dagegen konnte der Halbmarathon ja nur ein Spaziergang sein, dachte ich. Welch furchtbarer Irrtum. Schon wenige Minuten nach dem Start hüpfte mir bei Kilometer 3 die Lunge aus dem Brustkorb und beschwerte sich lauthals: „Biste eigentlich bekloppt, Alter?“ Ich hörte nicht auf sie und stratzte einfach weiter, irgendwann musste es ja schließlich auch mal bergab gehen. Wo ein Oben, da ein Unten. Außer beim P-Weg, leider. Kaum waren die Anfeuerungsrufe der enthusiastischen Zuschauer am Fuße des Bärenbergs verklungen, tauchte statt was Flachem was Vertikales vor uns auf, eine kilometerlange Steigung, für die man den Alpen eine Kabinenbahn bauen würde. Ich überlegte, entweder nach oben zu krabbeln oder einfach ein Taxi zu rufen. Doch Fred Lange aus Werdohl, erfahrener Ultraläufer ungefähr mein Jahrgang, munterte mich im Überholen auf: „Kneif die Arschbacken zusammen, du Weichei!“ Gesagt, getan. Irgendwann war das Schlimmste vorbei und wir erreichten gemeinsam den dichten Gipfelnebel. Am Waldrand war der Yeti gerade inne Pilze und winkte uns fröhlich zu. „Ich wünsche einen guten Lauf, Männers. Und bestellt meinem Reinhold alles Gute zum Geburtstach, woll!“ Eine halbe Stunde später erreichten wir Plettenberg. Zum Schluss des P-Wegs läuft man dann eine Ehrenrunde um die Innenstadt, bevor es auf die enge Zielgerade geht. Man kriegt schon eine echte Gänsehaut, wenn die ganze Stadt ein buntes Spalier bildet und jeden, auch den langsamsten Teilnehmer, ein letztes Mal anfeuert. Danke, Ihr lieben Plettenberger!

P-Weg2 P-Weg1Gewonnen habe ich mal wieder nicht, aber das spielt beim P-Weg auch keine Rolle. Man muss ihn einfach mitmachen, durchstehen und erleben. Wie, Du hattest leider keine Zeit? Dann aber nix wie ab nach Fleckenberg zum FALKE-Rothaarsteig-Marathon am 18. Oktober, da ist es nämlich genauso lecker unflach wie in Plettenberg. Und mit etwas Glück triffst Du vielleicht auch den Yeti.

Euer

Michael Martin

PS:

Dieses Jahr verstarb Bernd Maus, Mitherausgeber des Komplett-Magazins, stimmgewaltiger Moderator des P-Wegs, Sauerländer Urgestein und einfach ein astreiner Typ. Wir denken an Dich, Bernd.

 

 

 

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