Kaum zu glauben – aber wahr!

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Ständig unterwegs – ohne Führerschein

 Ein Leben ohne Führerschein und Auto – das können sich die meisten Menschen kaum vorstellen, schon gar nicht auf dem Land. Ursula und Hans-Georg Schüngel zeigen: Es geht dauerhaft und es geht sehr gut.

15.45 Uhr, Haltestelle Medebach, Marktplatz. Ursula Schüngel und ihr Mann Hans-Georg wollen zurück nach Hause. Der kurze Kontrollblick auf den Aushangfahrplan ist eigentlich überflüssig. Den Busfahrplan haben sie fest im Kopf. Beim Einstieg begrüßt der Fahrer sie persönlich, mit Namen. Man kennt sich gut, man duzt sich.

Nur wenige gehen so vertraut mit dem öffentlichen Nahverkehr um. Busse und Bahnen sind für viele Menschen eine völlig unbekannte Größe, gedanklich reduziert auf Schulbusse. Für sie heißt mobil zu sein, Auto zu fahren. Ganz anders ist das bei Ursula und Hans-Georg Schüngel. Das aktive Rentnerehepaar legt alle täglichen Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, und das schon ein Leben lang. Beide haben niemals einen Führerschein oder ein Auto besessen. Damit sind sie eine echte Ausnahme, besonders auf dem Land.

Ursula und Hans-Georg Schüngel an der Haltestelle Medebach, Marktplatz

Ursula und Hans-Georg Schüngel an der Haltestelle Medebach, Marktplatz

„Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, das Autofahren zu lernen, daran hatte ich einfach kein Interesse“, erläutert Hans-Georg Schüngel ganz lapidar. Schnell schiebt der 72-jährige hinterher: „Ideologische, politische oder ökologische Gründe hatten damit nichts zu tun, es gab einfach immer einen Weg, ohne Auto ans Ziel zu kommen.“ Kaum zu glauben, denn die Heimat des Ehepaars Schüngel ist Liesen, ein idyllisch gelegenes Dorf mit rund 780 Einwohnern im südöstlichsten Zipfel Westfalens, das zur 3 Kilometer entfernten Stadt Hallenberg gehört.

Ein autofreies Leben auf dem Land kann sich kaum jemand vorstellen. Ohne Pkw ist man immobil und verliert an Lebensqualität, so die weit verbreitete Befürchtung. „Ein unausrottbares Vorurteil“, findet Ursula Schüngel und ergänzt: „Wir sind unser ganzes Leben beweglich und flexibel gewesen. Auch ohne Pkw kann man sehr gut mobil sein und genau wie alle anderen aktiv am Leben teilnehmen, man muss sich nur darauf einstellen.“ So ist Hans-Georg Schüngel immer mit dem Bus und dem Rad zur Arbeit gefahren, ebenso wie seine Frau. In den Urlaub ging es stets mit der Bahn. Und die zwei Kinder sind mit Rad und Bus in die Schule, zum Sport oder in die Musikschule gefahren. Solange es in Liesen noch einen Laden gab, konnten die täglichen Besorgungen dort erledigt worden, jetzt geht es dafür in die Nachbarstädte Hallenberg, Winterberg oder Medebach.

Ursula Schüngel findet das autofreie Leben heute viel einfacher und bequemer als früher und lobt: „Jetzt gibt es regelmäßige Taktverkehre mit dem Bus und der Bahn sowie ein deutlich größeres Fahrplanangebot.“ Auch die Tickets für den öffentlichen Nahverkehr sind vielfältiger und den verschiedenen Bedürfnissen besser angepasst. Mit einer preisgünstigen Netzkarte für Menschen ab 60, dem 60plusAbo, bewegen sich die Schüngels mit Bussen und Bahnen problemlos in der gesamten Region. Auf Nachbarschaftshilfe mit dem Auto oder teure Taxifahrten müssen sie deshalb nicht zurück greifen. Kritisch sind allein die Wochenenden, da wünscht sich die 65-jährige  ein besseres Angebot. Als Natur- und Landschaftführerin veranstaltet sie für Gäste  gerne Etappentouren auf dem Rothaarsteig oder dem Sauerland Höhenflug – natürlich inklusive Busfahrt. Das lässt sich wochentags besser organisieren, da sind die Busse häufiger unterwegs. Ganz Südwestfalen kennt Ursula Schüngel wie ihre Westentasche und hat deshalb über viele Jahre  im Verkehrsverein den Touristen gerne wertvolle Tipps gegeben, wie man bequem – ohne Auto – sein Ziel erreicht.

Das Beispiel von Hans-Georg und Ursula Schüngel zeigt: Auch auf dem Land funktioniert Mobilität mit Bus und Bahn. Auf die Frage, warum trotzdem nur so wenige Menschen den öffentlichen Nahverkehr hier regelmäßig nutzen, hat Ursula Schüngel eine klare Antwort: „Es geht um die Grundeinstellung. Wer ein Auto besitzt, beschäftigt sich einfach nicht mit Alternativen. Kaum jemand kann wirklich einen Fahrplan lesen oder weiß wo er die richtigen Informationen über Bus und Bahn bekommt.“ Das soll anders werden. Ursula Schüngel  engagiert sich in ihrem Heimatort Liesen als MobilitätsPatin und berät in dieser Funktion alle Menschen, die nach langer Abstinenz wieder neue Erfahrungen mit dem öffentlichen Nahverkehr machen möchten.

Ursula und Hans-Georg Schüngel an der Haltestelle Medebach, Marktplatz

Ursula und Hans-Georg Schüngel an der Haltestelle Medebach, Marktplatz

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