Frühlingsanfang und „Der zweite Frühling“

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Morgen ist Frühlingsanfang. Sehnsüchtig und mit großer Freude von vielen Menschen erwartet.

Wir von WOLL begrüßen den Frühling mit der Kurzgeschichte „Der zweite Frühling“ von der jungen Sauerländer Autorin Cornelia Keller. Die Kurzgeschichte von Cornelia Keller ist auch in der aktuelllen Ausgabe des WOLL-Magazins für Schmallenberg, Eslohe und Umgebung abgedruckt.

Dazu ein paar fröhliche Frühlingsfotos unserer Fotografen.

Frühling kann kommen!

 

Der zweite Frühling

VON CORNELIA KELLER

Als ihre Mutter mit einem Lächeln zu ihrem Vater sagte:“ Ich glaube, die Oma erlebt zur Zeit ihren zweiten Frühling“, machte das Felizitas sehr nachdenklich. Erst den zweiten? Sie erlebte doch schon ihren siebten. Was hatte ihre Oma bloß die ganzen letzten Jahre getan? Vielleicht war sie von der dunklen Jahreszeit immer so ermüdet gewesen, dass sie den Frühling einfach verschlafen hatte. So, wie einige Tiere den Winter über schlafen. Felizitas musste sich vorstellen, wie ihre Oma eingerollt wie ein Murmeltier auf ihrer Seite des Bettes lag und ein paar Monate am Stück nichts anderes tat, als leise schnarchend zu schlafen. Und wie sie, wenn der Sommer gekommen war, aufstand, vor dem Spiegel ihr Haar richtete und, wie jedes Mal, wenn sie vor einem Spiegel stand, zu sich sagte: „Mensch, Monika, dein Gesicht sieht aus wie ein zerfurchter Acker.“ Jedes Mal, wenn Felizitas das hörte, wollte sie sagen: „Da kannst du ja froh sein, dass der Opa das nicht mehr sehen kann“, aber jetzt, wo sie wusste, dass Oma gerade erst ihren zweiten Frühling erlebte, war sie froh, das nie gesagt zu haben. Denn vielleicht hatte Oma gar nicht so richtig mitbekommen, dass Opa im Frühjahr vor zwei Jahren verstorben war. Das würde sie bestimmt hart treffen, wenn sie am 20. April zum Frühstück die Zeitung las und dabei die Anzeige zum Gedenken an den zweiten Todestag ihres Mannes entdeckte.

Felizitas kam aus dem Grübeln kaum heraus und freute sich sehr, als ihre Eltern ihr eröffneten, dass sie das nächste Wochenende bei ihrer Oma verbringen sollte, damit sie Bad und Schlafzimmer neu streichen konnten.

Auf dem Hinweg überlegte sie sich, was an dem Frühling das besondere war, um ihrer Oma alles zu zeigen, was man über diese Jahreszeit wissen musste.

Als ihre Mutter die Autotür öffnete, um auszusteigen, nieste sie laut. „Diese verdammten Pollen“, seufzte sie. „Naja, auch der Heuschnupfen gehört wohl zum Frühling.“ Felizitas hatte keine Ahnung, was Pollen waren, aber sie würde schon irgendwo welche finden, damit sie die und den Heuschnupfen ihrer Oma zeigen konnte.

Nach der Begrüßung lief sie direkt in den Garten, um den ersten Punkt ihrer Liste abzuhaken: Ein großer Blumenstrauß aus Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und allem, was da noch so herumstand. Nebenher gab sie sich große Mühe, darauf zu achten, ob sie nicht doch eine Polle entdeckte, aber nichts, was sie erblickte, sah wie eine Polle aus.

Während sie zum Haus zurückging, musste sie plötzlich niesen. Abrupt blieb sie stehen und blickte sich um. Direkt neben ihr stand ein Strauch mit vielen Blüten. „Interessant, Pollen wachsen als Sträucher“, dachte Felizitas und riss einen Ast ab, um damit den Strauß zu vollenden.

Als nächstes nahm sich Felizitas die Insekten vor, denn die gehörten schließlich auch zum Frühling. In einer Plastikschachtel sammelte sie Regenwürmer, Ameisen und Ohrenkneifer. Sogar eine Raupe fand sie und war so aufgeregt, dass sie sie beinahe zwischen ihren Fingern zerquetscht hätte, weil sie nicht wollte, dass ihr das Tier entwischte. Die Dose mit den Tieren erhielt einen Platz direkt neben dem Blumenstrauß auf dem Esstisch. Jetzt fehlte nur noch ein Tier. Ihre Mutter hatte einmal erwähnt, dass sie es liebte, wenn Menschen Lachfalter hätten. Felizitas hatte so etwas noch nie gesehen, aber sie war sicher, dass man dieses Tier bestimmt besser hören als sehen konnte und beschloss, sich ganz still mit einem Schmetterlingsnetz auf die sonnengewärmte Wiese zu legen und abzuwarten, bis sie ein Lachen hörte, um dann blitzschnell zuzuschlagen. Sie wartete ganz gespannt und aufmerksam, doch irgendwann machte sie die Wärme so träge, dass sie einschlief.

Schließlich wurde sie von ihrer Oma geweckt, die gerade frische Minze für einen Tee aus dem Garten holen wollte. „Hey, aufgewacht, junge Dame“, sagte sie leise. „Zieh dir mal deinen Pullover über. In dieser Jahreszeit ist der Boden oft noch etwas frisch. Nicht, dass du dich erkältest!“

Für eine Frau, die erst so selten den Frühling mit erlebt hat, weiß sie aber ziemlich gut Bescheid“, dachte Felizitas und sie gingen gemeinsam ins Haus.

Beim Abendessen wollte sie ihrer Oma dann schließlich den Blumenstrauß und die krabbelnden Tiere in dem Behälter erklären und begann mit einem Satz, den sie in einem Lexikon gefunden und mühevoll auswendig gelernt hatte. „Oma, der Frühling ist eine tolle Jahreszeit“, begann sie. „ Er ist die Jahreszeit zwischen Winter und Sommer mit meist milden Temperaturen, in der die meisten Pflanzen zu wachsen und blühen beginnen“, stieß sie mühsam hervor und erntete einen irritierten Blick ihrer Großmutter. Schnell redete sie weiter und erzählte von Spaziergängen über weite, grüne Wiesen, Vogelgesang, den Blumenduft, den Frühjahrsputz, den Heuschnupfen, die Helligkeit, die Tiere und erwähnte zum Schluss traurig, dass sie keinen einzigen Lachfalter gefunden habe. Und das, wo sie ihr doch den Frühling zeigen wollte, weil Mama gesagt hatte, Oma erlebe erst ihren zweiten. Da schmunzelte die Großmutter, setzte sich neben Felizitas auf die Küchenbank und legte ihren Arm um sie. „Deine Mutter meinte damit etwas anderes: Seit dein Opa gestorben ist, habe ich mich einsam gefühlt. Vor kurzem habe ich mich wieder verliebt“, lächelte sie. Felizitas hörte ihr gar nicht richtig zu, denn sie dachte erleichtert: „Wie gut, dass Oma mit so viele neuen Informationen keine Schwierigkeiten hat!“

 

Frühlingsduft Foto: Heidi Bücker

Frühlingsduft
Foto: Heidi Bücker

In Schütten Garten Foto: Heidi Bücker

In Schütten Garten
Foto: Heidi Bücker

Frühlingskälbchen Foto: Heidi Bücker

Frühlingskälbchen
Foto: Heidi Bücker

Foto: Heidi Bücker

Foto: Heidi Bücker

Frühlingswiese im Hawerland Foto: Heidi Bücker

Frühlingswiese im Hawerland
Foto: Heidi Bücker

Kirche und Friedhof in Wormbach

Kirche und Friedhof in Wormbach

Foto: Heidi Bücker

Foto: Heidi Bücker

Wanderer auf der Almert Foto: Klaus-Peter Kappest

Wanderer auf der Almert
Foto: Klaus-Peter Kappest

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