Tote Heringe und Segen fürs Kümmelbrot

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Silvia Rinke

Weil Michael Martins Urgroßvater beim Bau der Hönnetalbahn mitschuftete und er selbst aus Werdohl stammt, darf man ihm den Sauerländer großzügig durchgehen lassen, zumal es ihm die reiche Brauchtumstradition des Sauerlands ungeheuer angetan hat: Vor ziemlich genau einem Jahr ließ der 54-jährige Autor 77 schräge, schöne, schrille Bräuche aus dem Sauerland zwischen Buchdeckel pressen und gab sie im WOLL-Verlag heraus: „Voll die Bräuche, woll!“ Bei einer Lesung in Menden, ebenfalls Sauerland (wenngleich das Märkische), bereitete der Heimatforscher seinem Publikum einen äußerst erheiternden Abend.

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Das Publikum war „very amused“ und hatte riesigen Spaß an den Geschichten über die Sauerländer Bräuche.

Auch der Mendener kennt Sauerlandbräuche: So fackelt er zum Beispiel den Hoppeditz ab, gruselig-morbides Schauspiel zum Abschluss der Karnevalssaison. Kein Vergleich mit Freienohl, wo sie tote Heringe beerdigen, oder Attendorn, wo deformierte Kümmelbrote mit Hasenohren kirchlichen Segen erhalten. Jedem Ort sein spezielles Sauerländer Brauchtum, doch manche Bräuche sind „wirklich voll durchgeknallt“, grinste Michael Martin sein Mendener Lesepublikum an. So setzt in Altastenberg höllisch lärmendes Deckeln ein, sobald ein Bursche aus dem Nachbarort erstmals seine Herzliebste im Dorf besucht: Er dringt damit in fremdes Jagdrevier ein. Daher empfängt ihn die heimische Junggesellenfront mit brachialem Getöse, Zuprosten und Extrinken bei jedem Satzzeichen inklusive. Bis der Wilderer seinen „Jagdschein“ erwirbt – je nach Futterzustand des begehrten „Wildes“ teuer erkauft, denn der Schein kostet exakt so viel, wie die Liebste wiegt.

Beim Schatten (in Freienohl) muss der Bräutigam nach der Trauung vor der Kirche diverse Schnäpse kippen sowie einen toten Hering verzehren. „Das gibt in der Hochzeitskutsche Küsse mit Hering- und Schnapsgeschmack“, flachst Michael Martin. Er wirkt eisern entschlossen, selbst garantiert niemals in Freienohl zu heiraten. Mehr oder minder übers ganze Sauerland verbreitet ist der schöne Brauch des Eierbackens: Meist weit jenseits von Mitternacht und mit ausgedehntem Hopfenfrühstück warmgeglüht fallen (feier-)trunkene Freundeshorden „bei demjenigen in der Küche ein, der am wenigsten Angst vor seiner Mutter hat“, und geben beim Verbraten der monatlichen Eiervorräte großzügig auch Gewürzen eine Chance, die schon seit dem vorigen Jahrhundert auf ihren Einsatz warten. Sieht die Küche „anschließend aus wie Dresden 1945“, war’s eine gelungene Brauchtumspflege.

Oder, jetzt bald wieder: Vatertag! „Den gibtʼs woanders auch“, nickt Martin, „aber nirgends mit so schönen Bollerwagen!“ Darin findet eine Kiste Bier (pro Teilnehmer) und pro Nase „eine beliebige lauwarmen Spirituose“ Platz, Kompass und gesunder Menschenverstand bleiben als Spaßbremsen zu Hause, und auf geht’s in die herrliche Sauerländer Berg- und Wiesenwelt, mit verschiedenen Phasen, die verlässlich aufeinander aufbauen: „Phase II – Pinkelpause: eine Hand an der Flasche, eine am Ablassstutzen; Phase III: eine Hand an der Fichte, eine an der Flasche … – ab Phase 4: Kopf zwischen den Beinen, beide Hände am Ablassstutzen.“ Beruhigend für Phase 5 und weitere, dass Sauerländer Männer – genetisch bedingt – notfalls ganze Talsperren leer saufen.

Michael Martin im Gespräch mit den Zuhörern.

Michael Martin im Gespräch mit den Zuhörern.

 

Das Buch:

Michael Marting: Voll die Bräuche, woll! – Sitten, Unsitten und töfte Traditionen des Sauerlandes

Erschienen im WOLL-Verlag. ISBN Nr. 978-3-943681-22-2

LVP: 14,90 EUR

Gibt es in fast allen Sauerländer Buchhandlungen und hier im WOLL-Onlineshop

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