Als Au Pair in eine neue Welt – Christin Olschner berichtet aus Texas

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Heute erreichte uns der folgende Blog aus Texas. Die 20jährige Christin Olschner aus Bad Fredeburg machte sich nach ihrem Abitur im vergangenen Sommer auf eine Reise in eine neue Welt.

Für ein Jahr nach Amerika, das war schon immer ihr Traum gewesen und als Au Pair bekam sie dazu die beste Möglichkeit. In einem Vorort von Austin, in Cedar Park, fand sie eine Gastfamilie mit zwei Kindern. Über ihr spannendes Leben und ihre Eindrücke berichtet sie uns. Fortsetzung folgt..

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Meine Gastfamilie

Noch fünf Minuten, dann landet mein Flugzeug aus New York in Austin. Das ist ein komisches Gefühl heute. Ich habe keine Angst vor dem was kommt, keine Zweifel daran, was ich hier eigentlich tue und ich mache mir erst Recht keine Sorgen darum, was mich am Flughafen wohl erwarten wird. Warum auch? Ich weiß doch ganz genau, was mich am Flughafen erwartet: mein Gastvater, um mich abzuholen. Und dann fahren wir nach Hause. Ich freue mich schon.

Die Freude ist ungewohnt. Das ist völlig neu. Denn als ich das letzte Mal im Flugzeug in Richtung Texas saß, hatte ich definitiv noch nicht so gefühlt. Eher im Gegenteil. Damals war ich vor Nervosität fast gestorben – neues Land, neue Arbeit, neues Haus, eine neue Familie, mit der ich leben sollte und die ich noch nicht einmal persönlich getroffen hatte: wie gruselig ist das bitte?!

Zusammen mit Ines, die mit mir geflogen war, hatte ich stundenlang am Flughafen gesessen und überlegt, wie es wohl sein würde, endlich, endlich unsere Gastfamilien zu treffen.

Wir haben uns darauf gefreut, sie kennen zu lernen und hatten gleichzeitig unglaublich viel Panik. Was, wenn sie gar nicht so waren, wie wir sie einschätzten? Wenn wir uns gar nicht mit ihnen verstanden, jetzt, da wir ihnen persönlich gegenüber stehen sollten?

Aber anderseits: wenn wir genauso gut mit ihnen zurecht kamen, wie während der vorhergegangenen Telefonate, was machten wir uns dann jetzt für Sorgen? Dann konnte das kommende Jahr nämlich nur gut werden!

Wir schafften es tatsächlich, im Minutentakt von „Was bitte denken wir uns eigentlich dabei, mit einer fremden Familie leben zu wollen und das auch noch ein ganzes Jahr lang?!“ über „Panik“ bis hin zu „Yeahy, ein Jahr in den USA mit einer tollen Gastfamilie, das wird so toll“ – Freude zu wechseln.

Die Panik überwog aber leider am Ende. Ich muss ehrlich zugeben, kurz bevor wir in Austin landeten, wäre ich am liebsten wieder umgedreht. Wenn ich nur wüsste, wie man ein Flugzeug steuert! Ich wäre schneller im Cockpit und würde uns alle nach Deutschland fliegen, als der Pilot gucken könnte! Ich wollte meine Gastfamilie nicht treffen, ich wollte gar nicht wissen, mit wem ich das nächste Jahr würde verbringen müssen.

Ich wollte direkt wieder nach Bad Fredeburg zurück, zu den Leuten, die ich kannte. Die meine Sprache sprechen konnten! Wo ich zu Hause war! Aber dafür war es da natürlich schon zu spät gewesen.

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Halloween mit „meinen“ Kids

Also hatte ich mich mehr oder weniger begeistert Ines angeschlossen – na gut, weniger begeistert trifft hier eher zu! – und dann ging es los, unsere Gastfamilien suchen. Panik!!!!!
Ich muss lachen, als ich an meinen ersten Flug nach Austin zurück denke. Es scheint mir jetzt so unsinnig, dass ich mir solche Sorgen gemacht habe. Jetzt fühle ich mich gar nicht mehr so, als käme ich zu fremden Leuten zurück, die mich ein Jahr lang bei ihnen leben lassen. Nein, jetzt fühle ich mich viel eher, als wäre ich auf dem Weg nach Hause. Mein zweites zu Hause mitten in Texas, zwischen Kakteen, Cowboys und 25°C im Januar. Zwar bin ich nur eine Woche lang weg gewesen, eine Woche Urlaub über Silvester, aber ich vermisse meine Gastkinder jetzt schon! Ich freue mich auf sie.

„Die Kinder haben dich vermisst“, ist auch das erste, was mein Gastvater mir sagt, als wir ins Auto steigen. „Sie haben jeden Tag gefragt, ob sie dich endlich wieder sehen werden. Jetzt sind sie allerdings schon im Bett, aber ich wette, morgen früh werden sie noch vor der Schule an deiner Tür auf dich warten.“

 

Ich muss lachen. Das ist typisch für meine beiden Gastkinder! Auch mein Gastvater lacht. Dann sagt er: „Aber jetzt erzähl erst mal, wie war dein Trip? Ich bin neugierig!“

„Oh, so klasse!“, antworte ich sofort begeistert. Auch, wenn ich mich darüber freue, wieder in Austin zu sein, ich bin mindestens genauso traurig, dass mein Urlaub jetzt schon vorbei ist. Viel zu schnell. Es war toll gewesen! Ich meine, jetzt war ich schon über Neujahr in den USA, da musste ich die einmalige Chance auch nutzen: Silvester feiern am Times Square in New York!

Das wollte ich schon immer mal gemacht haben und das hier war meine wahrscheinlich einzige Möglichkeit dazu. Also ging es am 28. Dezember los nach New York, wo ich nach fast 6 Monaten, ohne jemanden meiner Freunde und Familie aus Deutschland gesehen zu haben, endlich meine beste Freundin wieder getroffen habe, die als Au Pair in Washington DC ist.

Sie holte mich nachmittags vom Flughafen ab und in den nächsten Tagen machten wir dann alle Dinge, die Touristen in New York so machen: Zum Times Square gehen, ein Broadway Musical anschauen (König der Löwen, so schön!), die Freiheitsstatue besuchen, durch den Central Park und die Upper East Side spazieren, den riesigen Weihnachtsbaum, der in Wirklichkeit leider gar nicht so riesig ist, vor dem Rockefeller Center ansehen.
New York ist einfach klasse! Du gehst durch die Straßen, überall um dich herum Hochhäuser, überall Menschen. So viel zu sehen und zu tun, so viel zu erleben.

Ständig habe ich unseren Weg unterbrochen, indem ich unvermittelt stehen geblieben bin und mich gefreut habe, dass ich diesen Platz / diese Stelle im Park / dieses Restaurant / dieses Haus, aus einem Film oder einer Serie kenne.

Ich kam mir vor wie ein kleines Kind an Weihnachten, das alle Geschenke bekommt, die es sich gewünscht hat; genauso begeistert und strahlend bin ich jedenfalls durch die Stadt gelaufen.

Meine Begeisterung hatte ihren Höhepunkt allerdings definitiv an einem bestimmten Punkt unserer Tour; es gab nämlich eine Sache, die alles andere um Längen übertroffen hat: nachts auf dem Empire State Building hoch über New York zu stehen!

So klein, wie ich mich am Tag zwischen den ganzen Wolkenkratzern gefühlt habe, so groß kam ich mir vor, als wir schließlich vom 102. Stock aus auf alles herunterschauen konnten! Die Aussicht war einfach unglaublich!

Da haben wir auch gerne mal vergessen, dass es eiskalt war, dass wir stundenlang anstehen mussten, um überhaupt hoch zu kommen und dass es außerdem total überfüllt war dort oben und haben uns von dem Bild vor uns faszinieren lassen.

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Times Square

Der Times Square, der noch taghell aussah, der Central Park, eine große dunkle Fläche mitten in all den erleuchteten Häusern um ihn herum und noch viel weiter hinten die Lichter aus New Jersey.

Es schien, als nähme die Stadt gar kein Ende! Wie toll das aussah! Ich wollte gar nicht mehr zurück gehen, ich wollte dort oben bleiben. Für immer. Mindestens. Aber da ‚für immer‘ eine ziemlich unrealistisch lange Zeit ist, entschieden wir uns dann doch dafür, nach etwa einer Stunde wieder nach unten zu fahren. Es war spät und wir mussten schließlich fit sein: Der nächste Tag war endlich Silvester!

Lasst es mich von vorne herein klar stellen: Silvester am Times Square lohnt sich absolut nicht!

Ab zwei Uhr nachmittags standen wir an, um überhaupt in den Times Square gelassen zu werden. Und wer sich jetzt denkt, dass das irgendetwas mit ‚in einer Reihe anstehen‘ zu tun hat, der irrt sich gewaltig. Es waren einfach so viele Menschen auf einem Haufen, sodass wir unsere Freunde verloren und sie über Stunden nicht wieder gesehen haben, obwohl wir alle an der selben Straßenkreuzung standen.

Schon da war es eiskalt und überfüllt, aber es wurde noch viel extremer: als wir schließlich in unserem Abschnitt waren (ja, der Times Square ist leider in Abschnitte unterteilt und wenn du einmal in einem Bereich bist, kannst du leider nicht mehr raus. Du kommst also nicht mehr weiter nach vorne, wenn du weit hinten stehst), wurde es nicht viel angenehmer.

Zwar fanden wir unsere Freunde wieder, doch die gaben schließlich um sechs Uhr schon auf und gingen lieber in eine warme Bar oder einen Club. Ich und meine Freundin, wir hatten uns allerdings in den Kopf gesetzt, um zwölf den Balldrop zu sehen und so sind wir geblieben.

Ich muss sagen, dass es hätte sehr lustig sein können, wenn… wenn nicht die Leute zu schlechte Laune gehabt hätten, weil es kalt war. Wenn wir Lautsprecher in unserem Bereich gehabt hätten, sodass wir die Musik hätten hören können. Wenn wir trotz unseres Schichtenoutfits nicht so gefroren hätten. Wenn wir irgendwo hätten Essen und Getränke bekommen können.
So allerdings mussten wir selber dafür sorgen, dass wir warm blieben und uns nicht langweilig wurde, doch unsere Möglichkeiten waren ziemlich begrenzt.

Also starteten wir damit, den Amerikanern etwas deutsche ‚Kultur‘ beizubringen und unterhielten die Leute um uns herum kurzerhand mit schönen deutschen Liedern wie „Oh du lieber Augustin“ und „99 Luftballons“.

„99 Luftballons“ war ein voller Erfolg. Überraschend viele kannten den Text und konnten mitsingen. Amerikaner, Franzosen und sogar Japaner sangen schließlich mit uns im Chor und dadurch fanden wir dann noch eine Gruppe von deutschen Au Pairs, denen es nicht anders ging als uns und denen wir uns anschlossen.
Um mich kurzzufassen: wir haben Miley Cyrus mehr erahnt, als gehört oder gesehen, wir haben mehr gefroren, als zu feiern und wir haben länger gewartet, als es das ganze wert gewesen wäre – aber wir sind bis Mitternacht geblieben!

Frohes neues Jahr in New York am Times Square – abgehakt!

Es war interessant, aber ich bleibe dabei: einmal und nie wieder. Und mit dieser Meinung stehe ich sicher nicht alleine da!

Da freue ich mich doch, dass ich jetzt wieder im Warmen bin. Während ein großer Teil der USA im Schnee versinkt, laufe ich zu Hause in Texas schon wieder in kurzer Hose und T-Shirt herum, spiele mit meinen Gastkindern draußen, treffe meine Freunde zum Eis im Park, laufe stundenlang mit dem Hund durch die Gegend. Ich mag es hier, trotz aller Zweifel, die ich am Anfang gehabt hatte.

Noch immer freue ich mich darüber, dass einfach fast alle meine Klischees zutreffen: die Menschen, die nur mit Cowboystiefeln, Cowboyhüten und Jeans durch die Gegend laufen, die Kakteen überall, die Leute, die darauf schwören, dass der Besitz einer Waffe alle Probleme löst, überall Texasflaggen, seltener USA – Flaggen und der altbewährte Gruß „Howdy, y’all!“.

Meine Gastfamilie hat sich nach Kräften bemüht, mir all das schon direkt am Anfang zu zeigen und mich mit allen Eigenarten, die die Texaner haben, vertraut zu machen. Dazu gehörte natürlich auch der Ausflug nach Südosttexas zu O’mama, der Mutter meiner Gastmum.

 

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Louisiana

Auch hier sah ich alle Klischees, wie schon zuvor in Austin und alles typisch amerikanische und vor allem texanische. Und Sümpfe. Viele, viele Sümpfe, über die wir eine Bootstour machten, um frei lebende Alligatoren zu bewundern. Ich konnte mir vorher nie vorstellen, wie verschieden die Landschaft in einem Bundesstaat sein kann, doch hier habe ich es live erlebt.

Die Luft war feucht bei O’mama, nicht so trocken wie in Austin, sodass wir von Mücken nicht nur gestochen, sondern regelrecht verfolgt wurden. Nach den paar Tagen dort sahen wir alle aus, als hätten wir die Windpocken, obwohl wir trotz der 40 Grad fast nur in langen Ärmeln von Mückennetz zu Mückennetz gerannt sind. Aber hey, das Opfer mussten wir bringen, um dort Urlaub zu machen und angesichts aller Bemühungen von O’mama, den Trip so interessant wie möglich für mich zu gestalten, machte mir das kaum etwas aus.

Die Sümpfe, die botanischen Gärten, das Schwimmen und der Ausflug nach Louisiana (wo es noch mehr Sümpfe gab) entschädigten für alles. Auch, wenn O’mama sehr bedauerte, dass ich noch nicht volljährig, also 21 Jahre alt bin und sie mich deshalb nicht auf ein Casino – Schiff mitnehmen konnte, um an den Spielautomaten zu spielen und zu pokern, fand ich die Zeit bei ihr toll! Es war schon ein super Gefühl, von ihr, als eigentlich fremde Person, direkt in die Familie aufgenommen zu werden. Das alleine hat gereicht.

Ein halbes Jahr ist jetzt also insgesamt vergangen und das ist gerade mal die Hälfte. Die Zeit hier war bisher unglaublich schön und ich bereue nicht eine Sekunde. Ich hatte die Chance, so viel zu erleben, so viel zu sehen und so viele neue Menschen kennen zu lernen und es scheint nicht so, als würde sich das in der kommenden Zeit ändern: nach Ausflügen mit meinen Freunden zum Wandern, nach NY, nach Washington DC, zum Enchated Rock National Park, nach San Antonio und in einen Freizeitpark, kommen nun natürlich auch noch die für texanische Au Pairs obligatorischen Reisen nach Houston und Dallas sowie zum Meer.

Reisen nach Chicago, Seattle und Kalifornien stehen an, den Grand Canyon sehen und dann nach Las Vegas. Meine Eltern werden mich besuchen kommen, ich werde zum College gehen und ab und zu muss ich schließlich auch noch meinen Au Pair – Pflichten nachkommen und arbeiten. Ich habe immerhin nicht mehr viel Zeit mit ‚meinen‘ Kindern, nur noch sechs Monate – und die Zeit muss ich nutzen. So eine Chance wie diese hier bekomme ich nie wieder und ich will keine Minute davon verschwenden!

Bis bald, Christin

 

Kommentare

  1. annette königs meint:

    Der Bericht von Christin Olscher ist Spitze! Sauerländer gehen hinaus in die Welt! …kommen aber hoffentlich hierher zurück – das Sauerland soll doch jung und dynamisch bleiben!

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