Die Wintergeschichte der alten Tanne

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Frau Döpp mit ihren Gästen Heinrich Josef Jochemich und Waltraud Weyand

Frau Döpp, Inhaberin vom Hotel Gut Vorwald mit ihren Gästen Heinrich Josef Jochemich und Waltraud Weyand

Waltraud Weyand aus Stollberg bei Aachen freut sich immer wieder auf einen Urlaub im Sauerland. Genauer, auf ein paar Tage Ruhe und Entspannung im Hotel „Gut Vorwald“. Hier genießt sie die einzigartige Atmosphäre und die Spaziergänge in den angrenzenden Wäldern.  Schon in der Kindheit umgab sie sich gerne mit Kindern, Tieren und allem, was mit der Natur in Zusammenhang steht. Daraus ist ein Buch mit Kindergeschichten geworden: „Erzähl mir was…“. Eine Geschichte daraus hat Waltraud Weyand für das WOLL-Magazin zur Verfügung gestellt. Vielleicht ist die Geschichte ja bei einem ihrer Besuche im Sauerland entstanden.

Baumhaus auf dem Gelände Hotel Gut Vorwald

Baumhaus auf dem Gelände Hotel Gut Vorwald

Die Wintergeschichte der alten Tanne

Von Waltraud Weyand

Im Tannenwald sah es wunderschön und zugleich geheimnisvoll aus. Die großen Tannen standen schützend um die kleinen Tannen und die ganz kleinen Tannen herum. Sie trugen allesamt Hüte und Mäntel aus Schnee, der märchenhaft glänzte und glitzerte, so, als hätte jemand Gold und Edelsteine über sie ausgeschüttet. Eigentlich wäre es stockfinster gewesen, wenn da nicht der Mond sein Licht über den Wald geschickt hätte. So lag ein friedlicher Mondschein über und zwischen den großen, den kleinen und den ganz kleinen schneebedeckten Tannen. Rund um den Mond tanzten so viele Sterne am Himmel, dass man sie gar nicht zählen konnte. Wunderschön sah das aus, wie eine Lichterkette am Tannenbaum.

Einige kleine Tannen konnten noch nicht schlafen, da begann eine der großen Tannen. „nun, wenn ihr noch nicht schlafen könnt, dann will ich euch eine Geschichte erzählen.“ „Oh ja“, riefen die Kleinen und hoben ihre Zweige vor Freude und Aufregung, so dass ein wenig von dem schönen glitzernden Schnee auf die Erde rieselte.

„Also“, begann die große Tanne, „vor vielen, vielen Jahren, da war hier, wo jetzt der Tannenwald ist, eine riesengroße Wiese. Keine Bäume – weit und breit. Dann zogen dort unten, wo der Rauch aus den Kaminen steigt, Menschen hin und bauten Häuser, in denen sie mit ihren Kindern wohnten. Manche hatten Tiere: Hunde, Katzen, Kühe, Schafe und auch Pferde. Irgendwann dann, begann einer dieser Menschen, ganz kleine Tannen zu pflanzen. Er machte Löcher in den Boden und setzte in jedes eine kleine Tanne. Er besuchte sie jeden Tag und gab ihnen Wasser zu trinken. Manchmal sprach er zu ihnen. Eine dieser Tannen ist mein Großvater. Er steht da ganz unten am Waldrand. Er ist so groß und so alt, dass er bis hierher schauen kann. Wenn es besonders stürmisch ist, kann ich sehen, wie er mit seiner Spitze winkt. Er biegt sich nach rechts und nach links, um mich sehen zu können. Weil er schon so alt ist, haben ihm die Menschen ein Schild gemalt und eine Bank steht an seinem Stamm, auf der sie sich ausruhen, wenn sie durch den Wald wandern.

Als nun in all den Jahren die Tannen wuchsen, ist dieser Wald entstanden. Eichhörnchen und Eichelhäher haben unsere Tannenzapfen gepflückt und die Samen fielen auf den Boden. Aus ihnen wurden dann neue kleine Tannen. Aber auch andere Pflanzen kamen hinzu. Biene, Käfer und Vögel trugen sie Samen von bunten duftenden Blumen hierher und so entstanden die herrlichen Stellen, wo Blumen, Kräuter, Farne und Pilze wachsen.

An unserer Nordseite froren die Tannen immer besonders. Da haben sich die Moose an der Seite unserer Stämme dort ausgebreitet und wärmen uns. Auf dem Boden sehen die Moose aus wie weiche Teppiche. Mit der Zeit kamen dann auch Rehe, die sich besonders gerne zwischen die kleinen Tannen legen. Und, wenn sie kleine Kitze haben, dann legen sie sie geschützt zwischen die kleinen Tannen, während sie auf Futtersuche gehen.

Den Tannen geht es eigentlich ganz gut. Nur, wenn es zu eng wird, weil sie zu schnell wachsen, dann können manche es gar nicht abwarten, bis der Winter kommt. Das ist die Weihnachtszeit. Dann strecken sie ihre Zweige besonders weit aus und machen sich ganz gerade.

Die Menschen schmücken in dieser Weihnachtszeit ihre Häuser und Gärten, legen überall Tannenzweige hin, weil sie so schön duften, binden bunte Schleifen um sie herum und stellen Kerzen zwischen sie. Dann kommen sie auch mit ihrem Förster, das ist der Mensch, der für den Wald verantwortlich ist, und zeigt ihnen, welchen Tannenbaum sie mitnehmen dürfen. Einige werden abgesägt, andere werden mit der Wurzel ausgegraben, um sie dann nach der Weihnachtszeit wieder in den Wald zu bringen und dort einzupflanzen. Wieder andere bleiben in den Gärten der Menschen und wachsen dort weiter.

Ich selbst war als Kind auch mal ein Weihnachtsbaum. Ich weiß es noch ganz genau.“ „Tannenbaum, erzähl weiter“, bettelten die kleinen und die ganz kleinen Tannen. „Bitte erzähle uns von Weihnachten“. „Nun gut“, sagte die Tanne und begann, ganz geheimnisvoll weiter zu erzählen.

„Es war ein Tag wie heute. Eigentlich ein Abend, wie heute. Es lag viel Schnee und der Mond schien so hell wie jetzt. Da kamen plötzlich Kinder auf mich zu, fegten den Schnee von meinen Ästen und tanzten um mich herum. Mir wurde es ganz schwindlig. Sie gruben mich mit einem Spaten aus und nahmen mich mit zu einem dieser Häuser. Ich wurde in den Garten gestellt, wo ich bis zum Morgen wartete. Den nächsten Morgen nannten sie Weihnachten, Heilig‘ Abend. Die Kinder kamen nach dem Frühstück zu mir gelaufen, betrachteten mich von allen Seiten und riefen: „Das ist der schönste Weihnachtsbaum, den es gibt.“ Mann, war ich stolz. Und dann sagten sie: „Wartet nur, bis er geschmückt ist und die Kerzen an ihm brennen.“ Oh je. Geschmückt hörte sich ja gut an, aber Kerzen, die an mir brennen sollten? Das musste doch weh tun? Die Menschen schienen aber freundlich und friedlich zu sein und so wich meine Angst ein wenig.

Am Mittag holte mich der Mann ins Haus, stellte mich in einen großen Eimer und gab mir zu trinken. Da stand ich nun, in einem Wohnzimmer, mitten drin. Der Mann drehte mich einige Male rechts herum, links herum, wieder rechts herum, bis er zufrieden lächelte und meinte: „So stehst du richtig.“ Er holte mehrere Kartons und schloss die Türe ab. Und nun begann er, mit mir zu reden. „Na, Tannenbaum? Nun sind wir beide ganz alleine. Ich mache jetzt ein Schmuckstück aus dir. Pass gut auf und halte schön still. So! Oben drauf setzen wir dir die goldene Spitze mit den Glöckchen, die ist noch von meiner Mutter. Wunderbar, passt. Und nun die bunten Kugeln. Hier und hier und hier auch. Jetzt die goldenen Sterne, die die Kinder gebastelt haben. Geschafft. Wo ist denn die Lichterkette? Ach da. So, jetzt rundherum die Kerzen. Du bist wirklich ein ausgesprochen schöner Baum. Noch etwas Lametta, fertig. Lass dich mal anschauen. Die Kinder werden Augen machen, heute Abend.“

Der Mann war zufrieden und stellte noch für jedes Kind einen bunten Teller mit köstlich riechenden Sachen, wie Printen, Spekulatius, Äpfel, Apfelsinen, Schokolade und Nüssen unter meine untersten Zweige. „Jetzt kann das Christkind kommen“, sagte er und ging aus dem Zimmer, das er wieder verschloss. Aha, es sollte also noch ein Christkind kommen. Ich wartete und wartete und wartete, und irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufschreckte, weil ein Glöckchen zu hören war, lagen viele große und kleine Pakete unter mir. Sie hatten buntes Papier und große goldene und silberne Schleifen. Nun war wohl das Christkind da gewesen und ich hatte es verschlafen. Ich betrachtete mich im der Fensterscheibe, die so sauber war, dass sie wie ein Spiegel war. Toll sah ich aus. Ich funkelte und glitzerte und nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so schön aussehen würde. Ich machte mich noch gerader und streckte meine Zweige weiter aus. Den Kopf hielt ich ganz ruhig, damit die alte Spitze nicht herunter fiel. Ich hörte wieder das Glöckchen und auch, dass jemand flüsterte. Ganz leise, und ganz langsam wurde die Türe geöffnet und mit einem Mal brannten die Kerzen auf meinen Zweigen. Aber es tat gar nicht weh. Die Kinder rissen die Augen auf und bestaunten mich. Sie klatschten in ihre Hände und dann knieten sie sich zu mir, um all die großen und kleinen Pakete mit dem bunten Papier und den goldenen und silbernen Schleifen zu öffnen. „Das Christkind war da“, riefen sie. Nun erklang wunderschöne Weihnachtsmusik und Kinder sangen von dem Christkind. Ich kann gar nicht beschreiben, wie märchenhaft das alles war. In den folgenden Tagen kamen noch andere Menschen, die mich bestaunten und bewunderten.

Eines morgens kam der Mann wieder zu mir und sagte: „Nun, Tannenbaum. Die Weihnachtszeit ist leider vorbei. Ich nehme den Schmuck wieder herunter bis zum nächsten Jahr. Dich bringe ich dann wieder in den Wald zu deinen Freunden. Wirst sicher viel zu erzählen haben. Vielleicht, wenn du nicht zu groß wirst, hole ich dich im nächsten Jahr wieder.“

Er nahm die alte Spitze herunter, packte sie vorsichtig in einen der Kartons. Dann nahm er die bunten Kugeln, sortierte sie und auch die goldenen Sterne, die die Kinder gebastelt hatten, kamen wieder in die Kartons. Nun noch das Lametta und die Lichterkette mit den Kerzen. Er rief die Kinder zu sich und wir gingen gemeinsam in den Wald. Hier grub er ein Loch und steckte mich vorsichtig mit der Wurzel in den Boden, drückte den Boden fest um meine Wurzel und meinen Stamm und gab mir noch einmal zu trinken. Sie verabschiedeten sich freundlich und bedankten sich sogar bei mir.

Ein paar Mal habe ich sie noch gesehen, als sie im Sommer durch den Wald wanderten. Geholt haben sie mich aber nicht wieder. Ich war ihnen wohl zu groß geworden. Jedenfalls war das ein tolles Erlebnis.

So, ihr kleinen Tannen. Nun ist es aber Zeit für euch, zu schlafen. Träumt was Schönes.“

Die kleinen Tannen und die ganz kleinen Tannen schlossen ihre Augen und schliefen brav ein. Bestimmt träumte die eine oder andere von ihnen, ein Weihnachtsbaum zu werden, denn ab und zu zuckte einer und breitet seine Zweige noch ein wenig mehr aus und hob seinen Kopf noch ein wenig höher, so, als wolle er noch gerader und noch stolzer da stehen, um die Kugeln, die Spitze, die Sterne, das Lametta und die Lichterkette mit den Kerzen zu halten und zu glitzern und zu glänzen……….

 

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