Westfalen Winds am Wochenende beim World Music Contest, der Weltmeisterschaft der Blasmusik

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Interview mit Thiemo Kraas

Nur alle vier Jahr findet der World Music Contest in Kerkrade, der Weltmeisterschaft für Blasmusik,
statt. Mit dabei: das überregionale Projektorchester Westfalen Winds aus Bad Fredeburg, das sich für
dieses internationale Kräftemessen qualifiziert hat. Bei dem dreiwöchigen Wettbewerb werden 20.000
Musiker aus der ganzen Welt erwartet. Der Auftritt von Westfalen Winds erfolgt am 21. Juli um 13
Uhr in der Rodahal Kerkrade. Karten gibt es noch an der Tageskasse.
Die Musiker um den gebürtigen Bad Fredeburger Dirigenten Ulrich Schmidt haben Thiemo Kraas
beauftragt, das Wahlstück zu komponieren, das neben dem Pflichtwerk „Extreme Beethoven“ von
Johan de Meij den Wertungsrichtern präsentiert wird.

Thiemo Kraas 2012
Thiemo Kraas (*1984) stammt aus Arnsberg. Bereits in früher Kindheit erhielt er Schlagzeug-,
Klavier- und Musiktheorieunterricht, begann zu komponieren und sammelte im heimischen
Musikverein Niedereimer erste dirigentische Erfahrungen.
Kraas studierte Musikpädagogik an der Musikhochschule Detmold und ergänzte dies nach dem
Diplom durch ein Studium mit den Schwerpunkten Musiktheorie, Tonsatz und Gehörbildung.
Erfahrungen als Orchestermusiker sammelte er nicht nur als langjähriges Mitglied bei Westfalen
Winds, sondern u.a. auch in der Deutschen Bläserphilharmonie.
Kraas ist seit 2008 als Musikalischer Leiter des Jugendmusikkorps Avenwedde, Stadt Gütersloh e.V.
beschäftigt. Darüber hinaus erhält er regelmäßig Kompositionsaufträge und Einladungen als
Gastdirigent. Seit 2005 steht er in enger Zusammenarbeit mit dem Musikverlag Rundel, in dem nahezu
alle seiner Werke für Blasorchester im Druck und auf CD erschienen sind.
Herr Kraas, Ihre Auftragskomposition „Miroir de l’âme“, mit der Westfalen Winds beim World
Music Contest (WMC) antreten wird, entstand eigens für den Wettbewerb.

 

Wie kam es zu der
Zusammenarbeit?
Als ehemaliger Schlagzeuger von Westfalen Winds fühle ich mich diesem überregionalen
Projektorchester stark verbunden. Bei vielen wunderbaren Konzerten, Wettbewerben oder
Wertungsspielen habe ich prägende Erfahrungen sammeln dürfen. Daher ist Westfalen Winds ein
Orchester, dem ich sehr viel verdanke.
Aufgrund meiner jahrelangen Verbundenheit zu den Musikern des Orchesters bekam ich die
Möglichkeit, ein Werk zu verfassen, welches genau auf die individuellen Begebenheiten und
Bedürfnisse des Orchesters zugeschnitten ist.
Schon in der Vergangenheit entstand aus der guten Freundschaft zum Dirigenten Ulrich Schmidt 2009
die Komposition „Traum Maschine“ für ein Kinderkonzert der Westfalen Winds im Rahmen der
Kinderkonzertreihe der Duisburger Philharmoniker. Thematisch geht es darum, dass die einzelnen
Instrumentengruppen des Blasorchesters in Form einer Abenteuerreise von Professor Träumli und
seinem Assistenten Tollpi vorgestellt werden.
Welche Bedeutung hat es nun für Sie, dass eine Ihrer Kompositionen – noch dazu als
Auftragswerk – beim WMC gespielt wird und damit in einer Reihe mit den großen Namen der
Blasorchesterliteratur steht?
Es ist für mich eine große und besondere Ehre. Der WMC ist eine besondere Veranstaltung; ein
Podium für hervorragende und einzigartige Orchester aus der ganzen Welt. Die Vielfalt an Musik, die
sich aus den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Einflüssen ergibt, gepaart mit einem
besonderen Enthusiasmus sowie einer absoluten Leidenschaft für eine ebenso besondere Veranstaltung
bilden ein außergewöhnlich reizvolles Gemisch. Für mich persönlich ist der WMC immer wieder ein
Ort der Entdeckung, der Inspiration, spannender Begegnungen und natürlich wunderbarer Musik.
Die Tatsache, dass mit „Miroir de l´âme“ in diesem Fall ein Auftragswerk speziell für diesen Anlass
entstehen durfte, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Mit dem Werk hatte ich die
Möglichkeit einem Thema Raum zu geben, welches mich schon seit langer Zeit intensiv beschäftigt
hat und stets eine große Rolle in meinem Leben spielt(e). Es berührt mich sehr, dass die offizielle
Uraufführung in einem solch besonderen internationalen Rahmen stattfinden darf.
Das Schreiben eines Orchesterwerkes ist offenkundig eine sehr komplexe Aufgabe. Wie sieht so
ein Schaffensprozess bei Ihnen aus?
Die Arbeit an solch einer Komposition ist sehr unterschiedlich und nur schwer in Worte zu fassen. Es
gibt dabei Phasen, in denen man sehr intensiv viele Stunden und Tage an einem größeren Komplex der
Komposition arbeitet, dann gibt es auch Passagen von nur wenigen Takten Musik, die in völliger
Detailverliebtheit über einen sehr großen Zeitraum entstehen. Auch die Arbeitszeiten sind dabei sehr
unterschiedlich und flexibel.
Zunächst bin ich sehr lange mit mir in Klausur gegangen und habe viele intensive und tiefe Gespräche
mit Ulrich Schmidt geführt. Auf dieser Grundlage entschloss ich mich dazu, das Thema der
Komposition im inneren Kampf eines jeden Menschen mit sich selbst zu suchen.
Schon immer habe ich mich mit dem Kampf eines jeden einzelnen Menschen mit sich und seinen
Gedanken und Emotionen auseinandergesetzt. Dieses Thema hat mich von Anfang an zutiefst berührt,
fasziniert und gefesselt. So studierte ich viele philosophische Aufsätze und Artikel zu diesem
hochinteressanten Komplex. Der Kampf mit, um und gegen Angst, Verzweiflung, Sorgen, Neid,
Missgunst aber auch Liebe und Zuneigung, Verständnis, Toleranz und Respekt ist der zentrale Inhalt
des Werkes.
Wenn ein neues Werk entsteht, so ist dies für mich wie eine Art Geburt. Die Arbeit an einer
Komposition ist meist ein unglaublich kraftintensiver Prozess. Die Entstehung dieses Werkes ist ein
großes Geschenk und eine wunderbare Möglichkeit, mich einem Thema zu widmen, welches mich
schon so lange begleitet. Ich bin zutiefst dankbar, stolz und glücklich, mit Ulrich Schmidt und
Westfalen Winds einen fantastischen Partner an meiner Seite haben zu dürfen. Mein Freund Ulrich
gab mir alle künstlerischen Freiheiten, die ich sehr schätze und genieße.
Die Arbeit mit dem Orchester während der Proben in Bad Fredeburg hat mir eine große Freude
bereitet – selbstverständlich bin ich auf die Uraufführung im Rahmen des WMC in Kerkrade gespannt.
Haben Sie angesichts der Tatsache, dass es sich um ein Wettbewerbsstück handelt,
„Spitzfindigkeiten“ eingebaut, um die Leistung des Orchesters besonders herauszufordern?
Oder anders gefragt: Inwiefern unterscheidet sich das Komponieren eines Wettbewerbsstückes
von dem eines „normalen“ Konzertstückes?
Wenn ich nun auf den Entstehungsprozess der Komposition zurückblicke, so waren es wohl die
besonderen Freiheiten, die ich beim Verfassen genossen habe. Ich habe meinerseits nicht speziell
darauf geachtet, besondere „Hürden“ einzubauen, die die Musik nun zu einem speziellen
Wettbewerbsstück machen sollten. Vielmehr habe ich mich sehr wohl damit gefühlt, dass ich meinem
Innersten freien Lauf lassen durfte. Kammermusikalische oder gar größere solistische Passagen
beispielsweise sind in dem Werk sehr häufig zu finden. Dies hat sicherlich einerseits mit meiner
Begeisterung und Leidenschaft für die gerade kleinen, vielleicht sogar intimen musikalischen
Momente zu tun, andererseits auch mit der Thematik des Werkes: Gerade das Kleine, Feine und
Zerbrechliche ist es, was sich wie ein roter Faden durch die gesamte Musik zieht. Die enge
Verbindung zu Ulrich Schmidt und dem Orchester hat mir bei der Arbeit an dem Werk sehr geholfen.
Die Freiheit, die ich beim Komponieren genießen durfte, habe ich auch beim Niederschreiben der
Partitur versucht an den Dirigenten und die Musiker weiterzugeben; dahingehend, dass die
Ausführenden immer in Mahlers Manier vom Grundsatz geleitet werden dürfen, dass „das Wichtigste
(eben) nicht in den Noten stehe“…

Thiemo Kraas 2012-a
Welche Bedeutung hat das Komponieren für Sie?
Das Komponieren ist für mich eine Form von Sprache, Ausdruck oder Botschaft. Es eröffnet die
Möglichkeit, das Innerste – das was den Menschen tief in seinem Herzen berührt und bewegt – in
Form von Musik freizusetzen.
Häufig begegne ich der Situation, dass ich etwas nur schwer in Worte, jedoch verhältnismäßig leicht
in Musik (ver)fassen kann. Es ist ein sehr intensives und besonderes Gefühl, etwas durch und mit
Musik ausdrücken zu dürfen. Viele meiner Kompositionen haben sehr persönliche Hintergründe
und/oder fassen ihren Ursprung in eigenen Begegnungen, Eindrücken oder Erlebnissen. So entstand
beispielsweise meine erste Komposition als Reaktion auf den tragischen Unfalltod einer
Schulkollegin. All die Gedanken und Gefühle, die mir durch den Kopf rasten, konnte ich schwer in
Worte, jedoch nahezu mühelos in Musik fassen.
Welche Emotionen löst es dann in Ihnen aus, wenn die Mitspieler in den Pausen oder nach
einem anstrengenden Probentag Melodien aus Ihrem Stück pfeifen?
Stolz, Glück, Zufriedenheit und Dankbarkeit. Ich gewinne das Gefühl mit den Musikern, die meine
Musik spielen und sich mit ihr beschäftigen, einen Kontakt aufzubauen, mit ihnen in Dialog zu treten.
Häufig genug spielt die Skepsis, ob ein Werk den Zuhörer und/oder die Musiker erreichen wird, eine
nicht unentscheidende Rolle. Ich glaube, dass meine Musik stets eine äußerst persönliche Handschrift
trägt, dass sie eben auch – so glaube ich – sehr viel von mir und meinem Innersten preisgibt. Gerade
weil es eine so persönliche Botschaft gibt, ist es sicherlich so, dass der Zugang zu ihr eben auch ein
sehr persönlicher sein muss. Vielleicht kann Musik sogar auch einmal zu persönlich sein, um von
einem anderen unmittelbar verstanden zu werden. Wenn ich dann jedoch feststelle, dass ein Werk
nicht nur einen Sender sondern auch einen Empfänger besitzt und damit ein musikalisch-emotionaler
Dialog entsteht, so sind es wohl die oben beschriebenen Emotionen, die in voller Gänze in mir
ausgelöst werden.
Das klingt faszinierend, wie Sie die Musik als Ausdrucksmittel verwenden können. Waren Sie
schon immer so musikalisch oder wie wird „man“ Komponist?
Die Musik hat mich immer schon zutiefst fasziniert, begeistert und gebannt. Sie ist für mich eines der
schönsten Geschenke, die mir gegeben wurden. Ich danke jeden neuen Tag dafür, dass ich diese zu
meinem Beruf machen durfte. Musik ist etwas für mich sehr Kraftvolles, etwas unbeschreiblich
Intensives. Betrachte ich meinen Arbeitsalltag, so stelle ich fest, dass sie sehr viel Kraft, Raum und
Energie benötigt; man muss viel für sie investieren, bekommt jedoch auch so unglaublich viel zurück.
Musik lässt uns träumen, entdecken, reflektieren und verstehen. Sie zeigt uns häufig den Weg zu uns
selbst…
Daher hegte ich schon früh den Wunsch, Berufsmusiker zu werden. Ich erhielt speziellen Unterricht an
der Musikschule Arnsberg, besuchte Kurse, Orchesterprojekte, Fortbildungen, Workshops und mehr.
Im Alter von 16 Jahren begann ich mit dem Komponieren. Mit meinem Hauptinstrument Schlagzeug
und dem Nebeninstrument Klavier spürte ich früh den Drang auch eigene Musik „auszudenken“ und
entstehen zu lassen. So entstand der Prozess des Komponierens.
Wie sah Ihr musikalischer Werdegang aus?
Groß geworden bin ich im Musikverein Niedereimer, einem Blasorchester im Kreis Arnsberg. Diesem
Orchester habe ich sehr viel zu verdanken; haben die Musiker und ihr Dirigent Hans-Jürgen Wirth –
der damals selbst Berufsmusiker beim Luftwaffenmusikkorps 3 in Münster war – mir doch viele Wege
geebnet um meiner Leidenschaft nachkommen zu dürfen.
Demnach war der Bezug zur Bläsermusik bereits von Kindheit gegeben. Das Medium Blasorchester
war bzw. ist also kein Neues für mich, sondern ist vielmehr etwas, in dem ich mich von Herzen „zu
Hause“ fühle. Beim Blasorchester fasziniert mich vor allem die Vielfalt an klanglichen Möglichkeiten,
die enorme Größe der klanglichen Farbpalette. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind sehr facettenreich
und beeindruckend groß. Immer wieder aufs Neue bin ich zutiefst begeistert von den Möglichkeiten
dieser Orchesterform.

WW 2012-10c

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