Dörfer im (demografischen) Wandel-

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wie Albaum sich ein Stück eigene Infrastruktur zurückholte.

Gebäude in Ortskernen stehen leer, Vereine fusionieren, Schulen werden geschlossen, kleine Geschäfte machen dicht – in den Dörfern im Sauerland geht langsam aber sicher das Licht aus…?

Keine Angst, wir wollen hier kein Endzeitszenario des demografischen Wandels herbei schreiben. Dennoch ist dieses Problem bei uns angekommen und macht auch vor dem Kreis Olpe nicht halt. Statistiker prognostizieren für den Kreis Olpe einen Bevölkerungsrückgang von 6,6 Prozent auf 131 700 Menschen im Jahr 2030. Dabei wird die Zahl der über 80- jährigen bis 2030 um mehr als 60 Prozent ansteigen, während die Zahl der Menschen unter zwanzig Jahren um rund 28 Prozent sinken wird. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Was tun? Abwarten und Tee trinken? Nein- die Sauerländer handeln. So wie die Dorfgemeinschaft in Albaum.

Und dann war alles weg….

Albaum. Gemeinde Kirchhundem. 750 Einwohner. 370 Meter ü.NN . „Früher gab es hier alles“, erinnert sich Albrecht Sandholz (Links im Bild), „ein Lebensmittelgeschäft, eine Sparkasse, Bäckerei, Metzger. Nach und nach machten alle dicht und plötzlich gab es hier nichts mehr.“ Ein Zustand, den die Albaumer Dorfgemeinschaft so nicht hinnehmen wollte. Die Idee des Dorfladens, der am 18. August letzten Jahres Eröffnung feiern konnte, wurde geboren und nahm über Monate hinweg langsam Gestalt an. Das Dorf rückte noch näher zusammen und vor allem: Es hielt zusammen. „Wir wollten wenigstens wieder ein Lebensmittelgeschäft im Ort haben“, erzählt Ralf Müller (rechts im Bild), heute Geschäftsführer der „Dorfladen Albaum GmbH“. Die Räumlichkeiten samt Inventar wurden vom insolventen Supermarkt im Ort übernommen. “Wir hätten nie gedacht, dass der Weg zum Dorfladen so kompliziert ist. Das war für uns alle absolutes Neuland.  Und manchmal dachten wir auch ans Aufgeben“, sagt Ralf Müller, denn auch kritische Stimmen wurden laut im idyllischen Albaum. „Ihr schafft das nie“, so die Sekeptiker. „Und jetzt erst recht!“ antwortete der mittlerweile ins Leben gerufene Verein „Dorfladen n. e. V.“ Dieser Verein ist heute Gesellschafter der „Dorfladen Albaum GmbH“; einem „richtigen“ Unternehmen mit allen Rechten und Pflichten.

„Ein Stück verlorene Infrastruktur kompensieren…“ (Ralf Müller)

In vielen Stunden Eigenleistung wurde der Laden gründlich aufpoliert und Instand gesetzt. Aber mit welchen finanziellen Mitteln? „Jeder Einwohner, der Mitglied im Verein wurde, sollte einmalig mindestens 200 Euro bezahlen. 140 Albaumer Familien wurden Mitglied und investierten Geld in eine Idee, von der niemand vorher sagen konnte, ob sie überhaupt nachhaltig funktioniert“, erinnert sich Ralf Müller, „ es hätte nur ein erstes Strohfeuer sein können und nach sechs Monaten hätten wir den Laden wieder zu machen müssen, weil niemand mehr kommt.“

Was die Albaumer anpacken, das machen sie gründlich. Ein umfangreiches Sortiment, wettbewerbsfähige Preise und der Zusammenhalt eines ganzen Dorfes, lässt Ralf Müller eine Bilanz ziehen, die sich sehen lassen kann. „Seit einem halben Jahr stabilisieren wir uns auf hohem Niveau. Das Sortiment des Ladens schlägt sich einmal im Monat komplett um und wir schreiben schwarze Zahlen.“ Nachhaltigkeit und ein Stück Kompensierung der verloren gegangenen Infrastruktur sind das Ziel. Wurst vom Metzger und frische Brötchen vom Bäcker, von denen allein an jedem Samstag mehr als 700 Stück über die Ladentheke gehen, Waschpulver oder frisches Obst, Batterien, Bier oder Spezialitäten aus dem eigenem Ort- im Albaumer Dorfladen gibt es nahezu alles- Unterhaltung beim Kaffeklatsch inklusive.

Kommunikationsbereich, nennen es die einen „Klatschecke“ sagt die nette Dame an der Kasse, die hier übrigens ehrenamtlich arbeitet. Ein Tisch, Stühle, frischer Kaffe und ein Teller Süßes- das Geschäft wird zum rege genutzten Treffpunkt. „Der Laden ist wichtig für das Dorfleben“, sagt Ralf Müller, „ früher hat man sich nur aus dem Auto zugewunken, heute trifft man sich im Laden.“ So hat der Albaumer Dorfladen noch einen ganz anderen und positiven Nebeneffekt.

Albaum macht von sich reden.

Das erfolgreiche Konzept blieb nicht lange unbeachtet. „Mittlerweile kommen Anfragen von Vereinen und Dörfern aus dem ganzen Bundesgebiet, die einen Laden nach ähnlichem Konzept aufbauen wollen“, sagt Ralf Müller nicht ohne Stolz. Denn es ist nicht ganz selbstverständlich, dass ein Dorfladen sich selbst trägt und dazu noch Gewinn erwirtschaften kann. Dieser soll, so Ralf Müller, auch sinnvoll angelegt werden. Wir müssten mal die Kassen und das Inventar austauschen. Aber das wird kein Husarenritt, es soll alles sinnvoll sein. Geld verdienen steht hier nicht im Vordergrund- wir wollen, dass der ganze Ort etwas davon hat.“

Und noch etwas haben die Albaumer zurückbekommen: Einen Geldautomaten. Idealerweise direkt neben dem Geschäft postiert ist dieser Ec- Automat auch eine kleine Besonderheit: Es ist der erste Geldautomat weit und breit, der von Volksbank und Sparkasse gemeinsam betrieben wird. Geht doch! (dk)

Zahlen, Daten, Fakten:

–         Der Dorfladen in Albaum wurde am 18. August 2011 eröffnet.

–         als „Dorfladen Albaum GmbH“ ist das Geschäft ein Unternehmen

–         Gesellschafter der GmbH ist der „Dorfladen Albaum n. e. V“

–         Im Dorfladen arbeiten neun ehrenamtliche Verkäuferinnen und vier Kräfte auf 400- Euro Basis.

–         Kompakte Öffnungszeiten: in der Woche von 8- 11 Uhr und 15 bis 17 Uhr. Samstags von 7- 11 Uhr

Text und Fotos: Daniela Köhler/ Ausgabe WOLL- Magazin für Kirchhundem, Lennestadt und Finnentrop

 

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