Wat Nigges startet – Wortmeldungen zur aktiven Auseinandersetzung mit Veränderung

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“Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen auf Ihre Frage noch eine Antwort geben sollte.” Verdutzt schaue ich in das grimmige Gesicht eines alteingesessenen Einzelhändlers. Diese Szene, kurz vor Weihnachten, irgendwo im Sauerland, habe ich selbst erlebt. Auf meine Nachfrage hin (“hömma”), das klinge aber ein wenig trotzig, wurde mir eröffnet, er bestelle auch nichts mehr für Kunden, denn zum Ende des Jahres sei Schluss. (“Kannse ma sehen”)

Kannse ma sehen

Meine Neugier war geweckt. Zunächst zeigte sich der Verkäufer erstaunt. Mein Interesse an seiner Situation schien ihn zu wundern. Ob ich die Welle des Aufschreis – die Schließung des Ladengeschäfts betreffend – nicht mitbekommen haben will, ging er in die Offensive. Sie lesen wohl keine Zeitung? Ein leicht mulmiges Gefühl stieg in mir hoch. Der Vorwurf traf mich hart. Könnte es tatsächlich sein, dass ich im Internet alles über die Welt lese, aber die Sorgen vor der eigenen Haustüre verpasse? Der Verkäufer eröffnete mir dann noch folgende Ergebnisse seiner Selbstreflektion.

  • Kannse ma sehen, was los ist, wenn die Menschen nur noch im Internet bestellen.
  • Kannse ma sehen, wo Du eine gute Beratung bekommst, wenn keiner mehr da ist.

Für einen kurzen Augenblick dachte ich bei mir: “Kannse ma sehen, der sucht nach Schutz vor der Kälte in seinem eigenen Laden.” Überraschenderweise gesellte er sich dann doch noch für eine kurze Beratung herunter von seinem Sockel. Irgendwie hatte mein Interesse bei ihm wohl einen Nerv getroffen.

Als ich 10 Minuten später wieder auf dem Trottoir stand, war mir klar: Für meinen individuellen Fall hatte diese Beratung keinen Wert.

Was ich gehört hatte, wusste ich bereits. Mein eigenverantwortlich gestalteter Abgleich zwischen selbst formulierter Anforderung (“Wunsch / Problem”) und verfügbaren Informationen (“Internet”) hatten zu dem selben Ergebnis geführt wie das Zwiegespräch mit dem technischen Einzelhändler.

Vom schlechten Gewissen geplagt

Spätestens jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen. Wäre ich doch nur nicht in den Laden gegangen. Schließlich war ich offenbar mit Schuld an seiner Situation.

Ja, auch ich gehöre zu der wachsenden Gruppe von Menschen, die online einkaufen. Das ist doch normal. Dachte ich. Ich mache das schon lange. Wollte mir der Verkäufer einreden, ich sei Schuld am Untergang des stationären Einzelhandels im Sauerland? Es heißt doch immer, der Verbraucher habe Macht, etwas zu verändern. Das wollte ich nicht. Es tut mir Leid.

Dann jedoch – diese Serie im WOLL Magazin war längst geplant – fiel mir ein, dass ich mit meinem als normal erachteten Verhalten gar kein Machtspielchen vom Zaun brechen wollte. Über Jahre hatte sich meine Einstellung zum Online Shopping fast schleichend verändert. Und damit meine Haltung. Warum hat kaum eines der Geschäfte vor Ort bemerkt, wie ich mich verändert habe? Außerdem scheint es mir, als sei teilte ich diese Haltung mit einem Großteil meiner Mitmenschen. Hätte ich was sagen sollen? Worum ging es mir früher eigentlich? Einkaufserlebnis oder Problemlösung? Warum bevorzuge ich bei manchen Gütern den Online Handel?

Worum es im Kern geht

Kunden gehen davon aus, dass der Einzelhändler vor Ort sein Geschäft versteht. Im geeigneten Moment soll er helfen, Probleme zu lösen. Hohe Anforderungen, die der Kunde erfüllt sehen will. Das würde auch ich so behaupten. Sicher weiß der oben zitierte Verkäufer viel mehr über die technischen Zusammenhänge meines Wunsches als ich selbst. Auch wenn ich zunächst zum selben Ergebnis gekommen bin. Warum erreicht er mich nicht früher? Warum will er mich nicht früher erreichen?

Würde ich mich mit einem Skilift die Umsatzkurve im deutschen E-Commerce von der Talstation (1999) hochziehen lassen, würde ich glauben, ich sei in Gellinghausen. Erst für 2020 erwartet einer der größten deutschen Onlinehändler Otto.de eine Sättigung am Markt. Dann allerdings wird bereits jedes zweite Buch, jede zweite CD oder DVD online verkauft und in Meschede gibt es dann seit gefühlten 15 Jahren keinen Plattenladen mehr und Gellinghausen liegt in den Alpen.

Sie liegen richtig. Das Hamburger Unternehmen Otto erfand 1950 den Versandkatalog. Ein fester Bestandteil meiner Lektüre in Kindertagen. Sind die etwa mit Schuld, dass Menschen sich Waren zuschicken lassen, ergo nach Weihnachten 2012 nichts mehr läuft? Eine spontane Suche im kürzlich eröffneten ZEIT Archiv zeigt, dass schon 1976 die Marktlage und der Standort entscheidend zum Erfolg des Einzelhändlers beitrugen.

Was im ZEIT Archiv als Ratschlag für Existenzgründungen im stationären Einzelhandel formuliert wurde, sollte als guter Ratschlag auch bei bestehender Geschäftstätigkeit gelten. Den Einzelhandel nannte man 1976 natürlich nicht stationär. Ein schlimmes Wort. Folgt man dem lateinischen Ursprung, müssten wir über Stillstand sprechen. Gemeint ist doch hoffentlich das fest verortete Ladenlokal, die bleibende Kompetenz vor Ort.

Der Trendforscher Peter Wippermann meint, es gehe künftig weniger um das Bewahren und Konservieren eines heilen Zustands. Es geht vielmehr um die langfristige Sicherung der Existenz. Eigentlich nichts Neues. Im Sinne einer solchen Entwicklung ist es notwendig, Veränderung zuzulassen. Resilienz nennt er das. Ein aus der Natur übernommener Begriff.

Bank im Wald bei Latrop

Jetzt eine Lösung bitte

Den einen großen Wurf für die komplexen Umstände des stationären Einzelhandel im Sauerland finden wir heute nicht. (“Mach mich nicht rammdösig. “) Der Wurf gelingt nicht einmal einer ganz neuen Kategorie im WOLL Magazin. Die gemachte Selbsterfahrung beim Weihnachtseinkauf halte ich allerdings für ein nachvollziehbares Beispiel. Darum wird es sich in den Beiträgen von „Wat nigges“ künftig drehen. Um das Neue, das was uns verändert.

“Wat nigges” ist eine neue WOLL Kategorie im neuen Jahr in Magazin und Blog. Sie bietet Wortmeldungen, die Leser anregen soll, sich aktiv mit den Veränderungen, die das Internet uns Sauerländern präsentiert, auseinanderzusetzen (“Keine Fisematenten”). Geplant sind außerdem Gesprächsrunden zum Thema.

Gern nehme ich als Autor Ihre Anregungen entgegen und beziehe Position. Vielleicht juckt es Ihnen bereits in den Fingern und Sie haben eine Meinung zum oben Gesagten. Nutzen Sie die Gelegenheit zu einem Kommentar (unten). Ich freue mich auf den Dialog mit Ihnen.

Es ist jetzt nach Weihnachten und mich beschleicht das Gefühl. Es geht irgendwie weiter. Wat nigges kommt.

Kommentare

  1. Mechthild Schrewe meint:

    Hallo Herr Stratmann,

    es ist wohl so, dass wir im Sauerland nicht auf einer Insel der Glückseligen leben und die Entwicklungen im Kaufverhalten auch unseren Einzelhandel betreffen.

    Das ist aber garnicht der Grund, warum ich schreibe. Mich regt der letzte Begriff in Ihrem Artikel auf: Wat nigges kommt.
    Entweder heißt es: ‚Wat nigges kümmet‘ oder ‚Was Neues kommt‘, aber nicht plattdeutsch und hochdeutsch vermischen.

    Ich finde es ohnehin etwas befremdlich, was solche Kommentare wie ‚Keine Fisematenten‘ in einem solchen Artikel sollen. Hier wird m.E. versucht, auf eine fragliche humorvolle Art zu interessieren. So erhalten wir unser plattdeutsche Sprache nicht, im Gegenteil, sie verkommt auf diese Art und Weise zu einer Sprache für Dönekes und fragliche Schlagworte. Das Woll-Plakat war eine super Sache, aber Sie sollten nicht versuchen, dies in jedem Artikel einzuflechten. Das wirkt im wahrsten Sinne des Wortes auf die Dauer doch sehr platt.

    Eine gute Zeit und viele Grüße
    Mechthild Schrewe

    • Frank Stratmann meint:

      Liebe Frau Schrewe, haben Sie vielen Dank für Ihr Kommentar. Ich finde es gut, dass Sie in dieser Form Stellung beziehen, was die plattdeutschen Fragmente betrifft. Sie haben völlig Recht. Einen Anspruch, mit meinem Artikel, einen Beitrag zum Erhalt der plattdeutschen Sprache zu leisten, habe ich nicht erhoben. Ich fand es in der Tat unterhaltsam (beim Schreiben), einige Phrasen des Plakats (das hier vor mir hängt) einzubauen. Als Beschädiger des Plattdeutschen fühle ich mich nicht, zumal Redewendungen, die wir alle im täglichen Sprachgebrauch verwenden, von Vokabeln des Plattdeutschen gespickt sind.

      An dieser Stelle hinkt Ihr Argument. Ältere Semester in meinem privaten Umfeld gleiten gelegentlich ins Plattdeutsche, wenn sie sich unterhalten. Als 1974 Geborener verstehe ich leider auch heute nur Bruchstücke des Gesagten. Dann fühle ich mich ausgeschlossen und als Beobachter eines Geheimcodes. Leider wurde mir als Heranwachsender kein Angebote gemacht, plattdeutsch in der persönlichen Sprachbildung zu berücksichtigen. Ich erinnere mich lediglich an die avisierten Termine im Pfarrbrief, zu denen sich jene zurückzogen, die plattdeutsch sprachen und vielleicht deshalb heute noch sprechen. Meine meist nicht volljährigen Spielkameraden waren nicht dabei.

      Zu Weihnachten habe ich in diesem Jahr das kleine Märchenbuch des WOLL Verlags verschenkt. Ein Exemplar liegt hier noch auf unserem Esstisch und wir haben uns herzlich amüsiert. Nicht nur über die Geschichten selbst, sondern auch über das wechselseitige Sichertapptfühlen während des lauten Vorlesens. „Das sagst Du auch immer …“ Schauen Sie mal rein. Vielleicht ist ein solcher Zwischenschritt nötig, um auch der jüngeren Generation die sauerländer Mundart zugänglich zu machen.

      Ich meine ja. „Bei Plattdeutsch wird immer nur an die Vergangenheit gedacht – das ist falsch! Das ist nicht nur was für Omas und Opas!“ – das sagte Dr. Beckmann (Cobbenrode) in einem Beitrag im WOLL Magazin im Jahre 2011. Vielleicht sollten wir das nochmal aufgreifen und hier stärker berücksichtigen.

      Ich wollte niemanden irritieren und für die folgenden Beiträge in der Kategorie „Wat nigges“ ist das Spicken auch nicht geplant. Das Plakat würde sich schnell erschöpfen.

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