Der Streit war ein Segen

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BAYERNKÖNIG SORGTE FÜR RECHT IN DEN BIERGÄRTEN
An einem lauen Abend im kühlen Schatten sitzen, vor sich ein frisch gezapftes Pils und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen: Das ist auch für die Sauerländer der Inbegriff des Sommers. Und dazu gehört seit einigen Jahren der Besuch  eines Biergartens. WOLL hat sich auf die Suche nach dem schönsten dieser gastronomischen Außeneinrichtungen in der Stadt gemacht. Vier junge Schmallenberger waren Anfang Juni an mehreren Abenden unterwegs, um die ausgewählten Biergärten zu testen. Ihr Fazit: „Im Sauerland lässt es sich leben, dazu muss man nicht nach Bayern.“ Was viele nicht wissen: Die hiesigen Biergärten, mag es auch außen dran stehen, sind keine Biergärten im strengen Sinne. Der wird in diesem Jahr 200 Jahre alt, natürlich nach bayerischer Zeitrechnung und bajuwarischer Rechtsprechung. Glaubt man anderen Quellen ist der Biergarten schon 473 Jahre alt. Zu verdanken hätten wir diese tolle Einrichtung demnach der bayerischen Brauordnung aus dem Jahre 1539: Danach durfte Bier in dieser Zeit nur zwischen dem Feiertag des heiligen Michael (29. September) und dem Ehrentag des heiligen Georg (23. April) gebraut werden. Hintergrund war die Angst, dass beim Biersieden im Sommer ein Brand ausbrach. Deshalb musste für den Sommer ein entsprechend großer Vorrat angelegt werden. Dabei hatten die Bierbrauer ein Problem, denn der Kühlschrank war noch nicht
erfunden. Aber sein Prinzip kannte man schon damals: Also baute man tiefe Bierkeller außerhalb der Stadt, da ja die anderen Keller mit der normalen Produktion belegt waren. Dort schaffte man im Winter Eis aus den Seen heran, um das Bier zu kühlen. Damit die Sonne nicht zu viel Hitze von oben brachte, pflanzten die schlauen Münchner Kastanien. Und das war die eigentliche Geburtsstunde des Biergartens: Von unten gab es angenehme Kühle aus dem Keller, von oben wenig Sonne durch die Kastanien. Zusätzlich verkauften die Brauer ihr Bier an die Gäste, die diesen angenehmen Ort immer mehr genießen wollten. Doch genau dagegen liefen damals die Wirte aus der Stadt Sturm: Denn die Brauer sollten die Wirte beliefern und nicht im Bierverkauf Konkurrenz machen. Es kam dann zu einem typischen bajuwarischen Rechtsstreit, dem erst Bayernkönig Ludwig I. genau 1812 ein Ende bereitete. Er urteilte wie einst der König Salomon, so durften ab da die Bierbrauer zwar Bier an die Gäste verkaufen, dazu aber nur Brot. Das Urteil des Königs hatte etwas Sozialisti sches, denn nun konnten sich auch ärmere Familien die sommerlichen Freuden vor der Stadt erlauben. Denn jeder Gast konnte Mitgebrachtes verzehren: „Das Verabreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen (den Brauern) aber ausdrücklich verboten“, lautete der genaue Urteilstext. Die Folgen dieses Urteil reichen noch bis heute und gelten in ganz Bayern. Dadurch gibt es ein buntes Durcheinander, das ja heute die Werbung gern mit biertrinkenden Japanern positiv nach vorne bringt. Und die charakteristischen Aspekte des Biergartens wie Kühle, Naturnähe und frisches Bier haben quer durch Deutschland seit 200 Jahren zu einem Siegeszug geführt. In der aktuellen Ausgabe des WOLL-Magazins stellen wir Ihnen einige der zahlreichen Biergärten, Bier- und Genussterrassen vor, die von WOLL-Lesern und unserem Partner WGS – Westfälischer Gastronomie Service ausgewählt wurden.
Text der Verordnung von 1812
„Märzenkeller“
Den hiesigen Bierbrauern gestattet seyn solle, auf ihren eigenen Märzenkellern in den Monaten Juni, Juli, August und September selbst gebrautes Märzenbier in Minuto zu verschleißen, und ihre Gäste dortselbst mit Bier u. Brod zu bedienen. Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten. Verord. v. 4. Jänner 1812

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